Am roten Teppich der Deutschlandpremiere von “Das schönste Mädchen der Welt”

Es ist schon eine Überraschung – das Email-Postfach zu öffnen und zwischen all dem Filmmaterial eine Akkreditierung zu finden. Ich dürfe am 22. August bei der Deutschlandpremeire von “Das schönste Mädchen der Welt” am roten Teppich sein und mit Schauspielern und Regisseur kurze Interviews führen, steht in der Nachricht. Den Film schon gesehen, davon überzeugt und glücklich, ob dieser Chance, sage ich zu.

1 Quadratmeter für Hörfunk, Print und Online

Auf der Bahnfahrt nach Berlin gehe ich erneut die Gästeliste und den Ablaufplan durch. Man will ja vorbereitet sein… Die Premiere findet am CUBIX am Alexanderplatz statt. Den Weg dahin finde ich leicht – schließlich sind die meterhohen Plakate und der Schriftzug “DEUTSCHLANDPREMIERE” nicht zu übersehen.

Um 18:15 Uhr soll eigentlich der Pressecounter geöffnet werden. Einige Minuten früher stelle ich mich in die kleine Reihe aus Journalisten und Kameraleuten, die bereits warten. Ein Mitarbeiter der Security kommt aus dem Gebäude und sagt, dass es noch etwas länger dauern würde, dass wir dann aber durch die andere Tür – zwei Meter weiter links – reingehen müssten. Jetzt läuft die ganze Schlange wie eine Entenfamilie zur anderen Tür.

Einlass. Ich betrete das Gebäude und auch hier wird schnell klar, um welche Veranstaltung es sich handelt – den tausend Plakaten und Schriftzügen sei Dank. Ein Journalist nach dem anderen kommt zum Pressecounter, um die Pressebadges abzuholen. Mir kommt einer vor mir bekannt vor, dann bin ich an der Reihe. Man fragt mich nach Name, Akkreditierungsbestätigung und Medium, für das ich tätig sei. Letzteres muss ich zweimal buchstabieren.

Direkt hinter dem Pressecounter beginnt die Press-Line. Der Bereich am roten Teppich, der für die Journalisten der Arbeitsplatz sein würde, ist klar eingeteilt. Im Abstand von einem Meter kleben am Boden Zettel, die angeben, welches Medium hier seinen Platz zu finden hat. Ich gehe an Getty-Images, RTL und Promiflash vorbei und mir wird der Platz in der ganz rechten Ecke zugeteilt. Auf dem Zettel steht aber nicht etwa “Kinow-Blog”, sondern “Print/Radio/Online”. Ich bleibe stehen und bereite mich auf Gedränge vor.

“Man merkt, dass du neu bist!”

Ich hole meine Kamera aus der Tasche – eine ganz einfache Spiegelreflex. Ich schaue mich um und sehe, dass auch die anderen ihre Kameras aufbauen. Objektive werden justiert, Lichter werden an die Kameras rangebastelt, Kameramänner hieven die riesigen Teile auf ihre Schultern und ich stehe dort ein wenig verloren mit meiner kleinen “Touristenkamera”. Inzwischen steht ein Prinredakteur neben mir. Ganz nah neben mir, schließlich müssen wir uns den Quadratmeter teilen.

Ich schaue auf die Uhr und frage mich, was nun die restlichen 30 Minuten passieren würde, bis die Darsteller kommen würden. Ich schaue nach links und entdecke einen Popschutz. Nichts ungewöhnliches, doch der Schriftzug ist mir wohlbekannt. “Spätvorstellung” steht dort weiß auf schwarz. Ich verfolge die Interviews von Tim Fischer und Sylvia Brouwer schon eine ganze Weile, man folgt sich gegenseitig auf Twitter.

Ich spreche Tim an. Ihm gehörte wohl zuvor das bekannte Gesicht. Ich stelle mich vor, erwähne dass ich für meinen Blog schreibe und wie glücklich ich bin, noch jemanden zu treffen, der das eigene Medium aus Leidenschaft, fernab vom Beruf betreibt. Wir quatschen kurz und er fragt mich, ob nicht ich kurz zuvor getwittert habe, dass dies meine erste Premiere sei. Ich bejahe das und ein Fotograf der BILD wirft von der Seite ein, dass man das merke. Ich würde viele Fragen stellen. Mir macht das nichts aus, ich nicke und spreche wieder mit Tim. (Hier geht es zu Tim von “Spätvorstellung – Das Kinomagazin”)

Inzwischen ist die Press-Line voll. Glücklicherweise bleiben der dicke Redakteur und ich die einzigen auf unserem Quadratmeter. Wir haben am meisten Platz, vielleicht auch, weil ich zur Hälfte im Quadratmeter von “Spätvorstellung” stehe.

Es wird laut. Zwei Männer betreten den roten Teppich vor uns und bleiben vor der Fotowand stehen. Die Fotografen rufen, drängeln, filmen und fotografieren. Ich habe keine Ahnung, wer die beiden Männer sind, fotografiere trotzdem einmal – zur Sicherheit.

“Die hat auch nur ein halbes Kleid an…”

Jetzt wird der rote Teppich voller. Aber nicht mit Darstellern, sondern mit Kindern. Die Zuschauer der Premierenvorstellung sind fast alle im jungen Teenager Alter. Sie werden vor uns über den roten Teppich geführt, an uns vorbei und dann hinter uns die Treppe zum Kinosaal hoch. Ich schätze das Durchschnittsalter auf 14 und bin umso erstaunter, wie sich einige der Kinder für Selfies vor der Fotowand in Pose schmeißen. Ich scheine nicht der Einzige sein, der so denkt. Der Redakteur neben mir, der wohl für die Berliner Zeitung schreibt, schüttelt immer wieder den Kopf. Ich denke mir meinen Teil, er spricht es aus. “Die hat auch nur ein halbes Kleid an. Haben die nichts vernünftiges, altersgerechtes zum Anziehen?”

Der Rummel ebbt ein wenig ab. Für die Fotografen und Journalisten wurde inzwischen ein Wasserkasten bereitgestellt. Erste Pressebetreuer erscheinen auf dem roten Teppich.  Es scheint so langsam endlich zu starten. LEA betritt den Teppich. Sie singt gemeinsam mit Hauptdarsteller Aaron Hilmer den Titelsong. Blitzlichtgewitter – ich mache zwei Fotos. Jetzt treten die ersten Darsteller auf. Es sind die Nebendarsteller, samt Partnerinnen und Partner, die sich zum ersten Gruppenbild des Abends aufstellen.

Eine Pressebetreuerin rennt vor den Schauspielern auf und ab, positioniert sie und eilt anschließend immer wieder zu uns, um zu fragen, ob wir auch alle Bilder hätten, die wir bräuchten. Dann kommen die wichtigsten Personen des Abends. Anke Engelke, die eigentlich nur eine kleine Rolle besetzt, ist mit Sicherheit das bekannteste Gesicht und dementsprechend auch für die Fotografen neben mir am wichtigsten. Die Hauptdarsteller Luna Wedler und Aaron Hilmer betreten ebenso den roten Teppich. Es folgen tausend Fotos, Anweisungen sich mal nach links und mal nach rechts zu drehen und tausend weitere Fotos.

Interviews mit Anke Engelke und Regisseur Aron Lehmann

Eigentlich werden nun noch Einzelfotos gemacht, doch dazu komme ich nicht, denn kurze Interviews stehen an. Jetzt erweist sich mein inzwischen vertrauter Quadratmeter und dessen Positionierung am roten Teppich als ideal. Alle Schauspieler werden als erstes zum Redakteur der Berliner Zeitung, Tim und mir geleitet. Wir hätten jeder immer Zeit für eins, zwei Fragen und sollten nichts zu Frau Engelkes Privatleben fragen. Die letzten Anweisungen werden uns zugerufen, dann kommt besagte Anke Engelke, die im Film die Mutter des Protagonisten spielt, zu uns. Die Frage des Redakteurs neben mir ist so banal wie langweilig.

Ich habe mir vorgenommen, zu fragen, ob man sich als dreifache Mutter überhaupt noch auf die Rolle einer Mutter vorbereiten muss. Womit ich nicht gerechnet habe, ist dann doch eine gewisse Aufregung. Mit dem Verbot der Fragen zu Privatem im Hinterkopf, stelle ich meine Frage, oder versuche es zumindest. Ich verhasple mich ein wenig und Anke (wie sie sich vorstellt) ist irritiert. Sie scheint meine Frage fast wie eine Art Unterstellung, sie würde sich nicht auf ihre Rollen vorbereiten, verstanden zu haben. Sie reagiert und sagt, sie würde sich mit der gleichen Akribie auf die Rolle einer Mutter, wie auf die Rolle eines Mörders vorbereiten. Erst jetzt bemerke ich meinen Fehler und stelle ihn klar. Jetzt muss die Schauspielerin schmunzeln und ich bin ein wenig erleichtert.

Als nächstes kommt Regisseur Aron Lehmann zu mir. Ein großer Kerl, Mitte 30 schätze ich ihn. Wir geben uns die Hand, stellen uns vor, ihn freut es, dass ich für einen eigenen kleinen Blog arbeite, ich stelle meine Frage. “Wo liegt der Reiz und die Schwierigkeit beim Drehen eines Films für eine jüngere Zielgruppe?” Aron Lehmann lacht. Für ihn sei der Film eine tolle Möglichkeit gewesen, sich zurück in seine Jugend zu versetzen. In Teilen habe er seine eigene Klassenfahrt wieder erlebt und vielleicht auch etwas davon verfilmt.

Ich frage noch einmal nach der Schwierigkeit. Der Regisseur überlegt kurz und antwortet mit “Jugendsprache”. Die sei für ihn der Schlüssel zu einem erfolgreichen Film über Jugendliche. Die Sprache der jungen Generation wirke oft derbe und hart, sei dies im Kern aber gar nicht. Er glaubt, dass dort die Dialogautorin große Arbeit geleistet habe und dass der Film auf einer Stufe mit “Fack Ju Göhte” stehe. Das bestätige ich, er lächelt, das Interview ist geglückt.

Dankbare Gesprächspartner: Jonas Ems, Aaron Hilmer und Luna Wedler

Dann kommt Jonas Ems zu mir. Er macht sonst Youtube-Videos und verkörpert im Film den Antagonisten Benno. Ich begrüße ihn und erzähle, dass wir uns bereits schon begegnet wären. Vor Jahren bei einem Praktikum von mir bei einer Web-TV-Produktionsfirma haben wir uns kurz getroffen. Er ist überrascht, erwidert, dass die Welt klein sei, das Interview läuft. Ich frage, ob  die Youtubevideos ihn etwas auf den Dreh vorbereitet hätten. Jonas erzählt, dass er zwar selber auch Kurzfilme drehe, Das schönste Mädchen der Welt aber ein ganz anderen Produktionsumfang hatte. Er könne sich aber durchaus vorstellen, auch in Zukunft wieder bei Spielfilmen mitzuwirken.

Der Hauptdarsteller Aaron Hilmer kommt in unsere Ecke. Zuerst interviewt ihn Tim, der heute gleichzeitig Kamera und Mikro halten muss. Dann darf ich meine vielleicht beste Fragte des Abends stellen. Was halte er als ausgebildeter Schauspieler davon, dass immer mehr große Rollen an unerfahrenere Youtuber gegeben würden. Er wirkt überrascht. Bei solchen Veranstaltungen kommen wohl sonst immer nur die gleichen Fragen. Nach einem kurzen Moment fängt er sich und meint, dass auch diese einen Castingprozess durchlaufen müssten und er dort natürlich den Verantwortlichen vertrauen würde. Er verrät mir noch, dass er im Vorfeld viel Hip-Hop gehört hat, um sich auf seine Rapszenen vorzubereiten und muss dann auch schon weitergehen.

Den Abschluss an diesem Abend bildet die Darstellerin des titelgebenden schönsten Mädchens der Welt Luna Wedler. Ihr merkt man den Spaß an dieser Veranstaltung von allen am meisten an. Sie lacht, kommt zu mir und ich reiche die Hand zur Begrüßung. Sie lacht erneut und meint, sie habe schwitzige Hände. Ich erwidere, dass es mir inzwischen ebenso ginge, wir geben uns die Hand. Ich frage, was die Hauptfigur Roxy denn so “schön” machen würde. Die 19-Jährige beschriebt, dass Roxy eben nicht für Instagram und Co. durchgestylt sei, wie ihre sonstigen Klassenkameradinnen.

Das Innere mache sie so schön und nicht irgendwelche Social-Media-Seiten, wo alles perfekt aussehe, es am Ende aber gar nicht sein. Sie hofft, dass Roxy, die “eben so ist, wie sie ist” für junge Mädchen ein Vorbild sein kann, sich nicht immer anzupassen und das zu machen, was ihnen Spaß macht. Ich bedanke mich, sie dankt überraschenderweise auch mir und geht weiter ins gleißende Licht der Kamera von Promiflash.

Abschluss der Premiere

Mein Notizblock ist inzwischen vollgekritzelt mit Notizen und Anmerkungen. Der rote Teppich leert sich allmählich. Bei der Filmvorführung würde ich nicht dabei sein. Den Film hatte ich bereits vorab gesehen. Die Pressline ist inzwischen auch ziemlich frei. Vereinzelt fliegen noch die Markierungen der Stehplätze umher. Eine Fotoredakteurin lädt bereits die geschossenen Bilder hoch. Der Wasserkasten ist leer.

Ich spreche mit Tim. Der scheint ebenso zufrieden mit dem Verlauf der letzten Stunde zu sein, wie ich es bin. Er muss noch ein paar Aufsager, für die eigenen Videos aufnehmen, ich warte derweil draußen und sehe auf Twitter bereits die ersten Bilder der Premiere. Tim und ich tauschen uns noch kurz aus, dann geht es für mich zurück zum Bahnhof. Fazit: neue Eindrücke, dankbare Gesprächspartner, einen Kollegen kennengelernt, Anke Engelke verwirrt. Klingt eigentlich nach einem sehr guten Abend.

Hier geht es zur Filmkritik!

KR

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.