Am roten Teppich der Deutschlandpremiere von “Jojo Rabbit”

Mit Jojo Rabbit ist Taika Waititi ein einzigartiger Film gelungen. Das habe ich bereits in meiner Filmkritik ausführlich erklärt. Eigentlich ist es da nur logisch, dass sich auch die Deutschlandpremiere in Berlin etwas anders zutrug, als man es vielleicht hätte erwarten können…

Warum ist das hier so leer?

Nach ersten sehr guten Kritiken, einigen Auszeichnungen und nicht zuletzt sechs Oscarnominierungen (darunter als “Bester Film”) startete die Komödie des Neuseeländers Taika Waititi (Thor: Tag der Entscheidung, 2017) in dieser Woche auch in Deutschland. Bei der Relevanz des historischen Kontext ist es keine große Überraschung, dass am vergangenen Mittwoch dann auch eine offizielle Deutschlandpremiere über die Bühne lief.

Roter Teppich DeutschlandpremiereAbends sollte es im Kino International in Berlin erst die Möglichkeit für Fotos und kurze Interviews geben, danach die Filmvorführung folgen. Mein Freund Felix, mit Kamera ausgestattet und ich, mit Aufnahmegerät ausgestattet, machten uns auf den Weg und konnten uns erstmal an der schönen Aussicht vor dem Kino International erfreuen – jedem Baustellenliebhaber wäre das Herz aufgegangen. (Übrigens klingt “mein Fotograf” so elitär, dass ich für den Rest des Artikels nur noch diesen Begriff verwenden werde – sorry, Felix.)

Mein Fotograf und ich betreten die Lobby des Kinos und zumindest ich bin verwundert, ob der Größe. Vielleicht hatte ich einfach auch eine falsche Vorstellung, wie viele Fotografen und Journalisten bei einem Film dieser Relevanz geladen sein müssten. Zu meiner Überraschung muss ich feststellen, dass vielleicht zehn Fotografen und nur drei vielleicht vier Videoteams geladen sind. Eine kleine Freude macht sich breit, vielleicht käme ich wirklich zu einer kurzen Frage für den Regisseur…

Die Freude erfährt aber einen jähen Dämpfer, als mir beim Austeilen der Pressebadges erläutert wird, man hätte vergessen ein Schild für uns aufzuhängen. (In der Regel ordnet ein A4-Blatt mit Namen des Mediums die Fotografen und Journalisten entlang des roten Teppichs ein. Dies ist auch meist dringend notwendig, weil eh jeder dicht an dicht steht…). Mein (!) Fotograf und ich machen uns also auf, auf eigene Faust ein Plätzchen zu erkämpfen. Wir werden am Ende der Reihe, vor dem Stativ der Beleuchtung fündig. Eigentlich nur ich – Felix schafft sich Platz dahinter. Neben mir steht ein Reporter und ein Kamerateam von RTL. Kurz mit dem Reporter gesprochen – ich würde ihm heute hier etwas den Platz streitig machen müssen. Er findet es lustig, sein Kameramann nicht. Der Platz ist ergattert.

“Hi, I’m Taika.”

Roter Teppich Carthew Neal, Taika WaititiEs ist fast 19 Uhr. Die geladenen Gäste schlendern über den roten Teppich. Es überrascht mich, wie ruhig und entspannt auch die anwesenden Fotografen sind. Bisher hatte ich diese oft als aufgeregt rufende Masse erlebt, bis endlich das eine gute Foto geschossen wurde. Doch hier ist es anders. Da läuft Tom Tykwer (Cloud Atlas, 2012) über das Rot und dort ragt der belockte Kopf von Florian Henckel von Donnersmarck über alle anderen hinaus.

Dann kommen die Hauptpersonen des Abends. Regisseur/Drehbuchautor und Schauspier Taika Waititi und Produzent Carthew Neal. Auch sie wirken tiefenentspannt. Cathew Neal tritt ein wenig zur Seite und gibt neben mir ein kurzes Interview. Derweil feixt der in braunen Cordanzug gekleidete Regisseur erst für die Kameras und geht dann von einer Interviewstation zur nächsten.

So langsam blüht mir, dass ich wohl tatsächlich zu einer Frage kommen werde…

Taika Waititi nimmt sich wirklich für jeden Zeit (auch absolut nicht selbstverständlich). Beantwortet scherzend die letzte Frage des RTL-Reporters und kommt dann zu uns. Hinter mir scheint Felix die Kamera auf Dauerfeuer gestellt zu haben. Ich stelle mich vor. Ich würde für ein kleines, unabhängiges Filmmagazin schreiben – stimmt ja auch irgendwie. Der 44-jährige streckt mir die Hand entgegen und stellt sich vor: “Hi, I’m Taika.”

Dann stell ich einfach noch eine…

Eigentlich hatte ich mir eine Frage im Kopf bereits zurecht gelegt. Doch ich entscheide mich schnell für eine etwas lockerere – auch den entspannten Umständen geschuldet: “Wie bereitet man sich auf die Rolle eines fiktiven Adolf Hitler vor?”. “Gar nicht. Man klebt sich einfach ein kleines Bärtchen an, schlüpft in dieses lächerliche Outfit und macht sich über den Mann lustig.” Er erzählt mir, dass er den Diktator auch ganz bewusst nicht studiert hätte, das habe dieser Mensch einfach nicht verdient. Dies sei ja am Ende auch nur die Vorstellung, die ein Zehnjähriger von der Person habe, da müsse nicht alles historisch korrekt sein.

Roter Teppich Interview Taika WaititiDie ausführliche Antwort ist beendet. Mir kommt es aber nicht so vor, als müsse der Regisseur gleich weiter. Ich stelle also noch eine Frage. Ob eben diese Unterscheidung der Schlüssel zum Erfolg sei – eben Adolf Hitler nicht ernst zu nehmen, die Taten und die Zeit aber sehr wohl? Dem stimmt er anschließend zu, man müsse das Thema ernst nehmen, die Figur selbst sei hier aber gar nicht von Belang, bei einem anderen Film hätte man Adolf Hitler mit Sicherheit realistischer inszenieren müssen. Bei Jojo Rabbit stünde aber nicht der Diktator, sondern der junge Anhänger im Mittelpunkt.

Die Frage ist beantwortet. Gleiche Situation wie davor. Er wartet, ob noch eine Frage kommt – dann stell ich einfach noch ein. Genau die, die ich ursprünglich geplant hatte: “Jojo Rabbit ist ein sehr spezieller Film, denn er ist eine Komödie vor einem sehr ernsten, relevanten, historischen Hintergrund. Welche Reaktionen erwarten sie, ganz besonders vom deutschen Publikum und was kann das deutsche Publikum von ihrem Film erwarten?” Da die Antwort stellvertretend für die Bewertung des gesamten Films steht, nachfolgend wörtlich übersetzt, ohne Kürzungen:

“Ich glaube nicht, dass die deutschen Zuschauer anders reagieren werden als die Zuschauer im Rest der Welt. Das Publikum wird sich mit Sicherheit in mehrere Lager aufteilen. Einige werden den Film auf jeder Ebene verstehen und sich an ihm erfreuen, andere werden vielleicht nur einige Teile verstehen und einige werden den Film auch gar nicht begreifen – oder wollen ihn auch gar nicht begreifen. Aber das ist dann schade für sie.”

“Wir sehen uns an der Bar.”

Dann ist das kurze Gespräch vorbei. Das lief so gut, da kann man auch mal nach einem kurzen Foto fragen. Das Ergebnis sieht man rechts.

Roter Teppich Kai Remen, Taika WaititiDie Interviews und Fotos am roten Teppich sind beendet. Eine zufriedene Stimmung macht sich nicht nur unter Felix und mir breit. Regisseur und Produzent werden noch kurz ein wenig von anderen geladenen Gästen umring, verteilen noch Autogramme und Fotos, dann steht die Premierenvorstellung an.

Mit meinem QR-Code auf dem Handy laufe ich zum Saaleingang. Dort wird mir relativ deutlich gesagt, dass ich mir erst meine Tickets in einem kleinen Zelt noch vor dem roten Teppich abholen müsse. Ich drehe also um, hetzte zum Zelt, nur um dort wieder aufgehalten zu werden. Hier dürfe keiner mehr durch. Ich krame in meiner Tasche nach dem Presseausweis, schiebe das Versäumnis auf meine Idiotie und werde doch noch durchgelassen. QR-Code gegen zwei Tickets eingetauscht geht es dann für Felix und mich in den riesigen Kinosaal. Die zwei letzten freien Plätze sind unsere.

Jetzt betritt Daniele Rizzo die Bühne, stellt sich als Moderator des Abends vor und holt Roger Crotti, Country Manager The Walt Disney Company Germany, auf die Bühne. Ein kurzes Gespräch folgt, dann treten Waititi und Neal unter Applaus auf die Bühne. Der Regisseur scherzt etwas und wünscht Spaß beim Film. Man würde hinterher noch ein kurzes Q&A abhalten und dann würde man ihn ja an der Bar treffen. Das Publikum lacht.

Der Film läuft. Zur ausführlichen Kritik und der Frage, warum es sich um einen der besten Filme der letzten Jahre handelt, geht es hier. Nur so viel sei gesagt: Felix, der auch nicht wenig Ahnung von Filmen hat, dreht sich bereits nach 20 Minuten zu mir um, um mir mitzuteilen, wie toll der Streifen doch sei. Als wüsste ich das nicht.

“Wenn man so aussieht wie ich, hat man leider keine Zeit für imaginäre Freunde.”

Bühne Carthew Neal, Taika WaititiDer Abspann läuft. Das Publikum ist zu großen Teilen begeistert. Anerkenende Pfiffe, ohrenbetäubender Applaus, vereinzelt stehende Ovationen. Der Moderator und die zwei Filmemacher betreten die Bühne. Das angekündigte Q&A folgt. Daniele Rizzo, den man u.a. aus seinen Interviews in Verkleidungen kennt, versteht es, dem Regisseur die Bälle für allerlei Scherze hinzuwerfen. Er fragt, ob Taika Waititi je einen imaginären Freund hatte. Der Neuseeländer verneint, er sei schon immer so gut aussehend und beliebt gewesen. Da habe er leider keine Zeit mehr für imaginäre Freunde gehabt. Das Publikum lacht.

Bei der nächsten Frage zeigt sich ein ähnliches Bild wie schon beim Film. Trotz all der Scherze und der vermeintlich leichten Unterhaltung gelingt es Taika Waititi, die ernsten Töne nicht außer Acht zu lassen. Er beschreibt die Relevanz des Thema. Es sei wichtig, solche Probleme wie Nationalismus, Populismus und Co. zu thematisieren. Comedy sei dafür die schwierigste, aber vielleicht auch effektivste Form. Applaus.

Das Q&A ist beendet. Das Publikum trudelt langsam in die Lounge vor dem Saal. Getränke und kleine Häppchen werden gereicht. Felix und ich diskutieren schon die Raffinesse des Films aus. Wir sitzen an einem Tisch, quatschen, ich schaue nach rechts. Carthew Neal und Taika Waititi haben sich einfach in die Menge der Filmzuschauer dazugesetzt und führen jetzt mal mit dem, mal mit dem Gespräche. Dass das alles andere als gewöhnlich ist, muss ich nicht erwähnen.

So endet der Abend, wie er schon gestartet hat – in skurriler und ungewohnter Entspanntheit. Vielleicht bezeichnend…
Wir machen uns auf, sehen noch, wie sich Oscarpreisträger Florian Henckel von Donnersmarck (Das Leben der Anderen, 2006) mit Taika Waititi unterhält. Vielleicht haben sie ja bald beide einen Goldjungen…

KR

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