Eigenständigkeit – Birds Of Prey: The Emancipation Of Harley Quinn

Birds Of Prey Kritik Info

David Ayers Suicide Squad (2016) hatte viele Schwächen, er war zerschnitten, die Story aufgeplustert, die Figuren dünn. Doch es gab einen Lichtblick. Margot Robbies Harley Quinn – eigentlich nur als Nebenfigur gedacht – trug den Film über die vollen 137 Minuten auf ihren Schultern. Kein Wunder also, dass der Harlekin nun mit Birds Of Prey: The Emancipation Of Harley Quinn einen Solofilm erhält. Überraschend ist allerdings, welche Richtung eingeschlagen wurde, wer sich zum Vorbild genommen wurde und welches Zielpublikum das Action-Abenteuer versucht zu erreichen…

Der Joker ist Vergangenheit, Harley Quinn ist die Zukunft

Harley Quinn und Mister J sind getrennt. Harley (Margot Robbie) hat sich von ihrem Freund losgesagt und geht nun selbstbewusst ihren eigenen Weg – zumindest glaubt sie das. Immer noch von der Trennung mitgenommen legt sie sich eine Hyäne als Haustier zu, klaut mal hier, mal da etwas und streift relativ ziellos durch die kriminellen Straßen Gothams.

Doch mit dem Wegfall des Jokers, fehlt es der durchgeknallten Chaotin auch an Schutz. Gangsterboss Roman Sionis alias Black Mask (Ewan McGregor) bringt Harley in seine Gewalt. Diese kann ihren Kopf bzw. ihr Gesicht nur dadurch bewahren, indem sie dem Psychopathen zusichert, einen gestohlenen Diamanten zu besorgen.

So macht sich Harley Quinn auf, der Taschendiebin Cassandra Cain (Ella Jay Basco) den Diamanten abzujagen. Doch nicht nur sie ist hinter dem wertvollen Gegenstand her. Auch die Polizistin Renee Montoya (Rosie Perez) ist dem Diamanten und Gangsterboss auf den Fersen. Und auch Sionis Gehilfin Dinah Lance alias Black Canary (Jurnee Smollett-Bell) und die rachsüchtige Helena Bertinelli alias Huntress (Mary Elizabeth Winstead) scheinen eine Rolle zu spielen.

Die Jagd auf den Diamanten ist eröffnet und birgt allerlei Überraschungen und Risiken, denn wo Harley Quinn auftaucht, ist Chaos vorprogrammiert.

Die Emanzipation einer Harley Quinn?

Bereits in den ersten Minuten wird mit dem Joker kurzen Prozess gemacht. Harley Quinn stellt sich dem Zuschauer nicht nur persönlich vor, es wird auch sofort klar: “Der Joker spielt hier keine Rolle – es geht um mich!”. Damit schlagen Regisseurin Cathy Yan (Dead Pigs, 2018) und Drehbuchautorin Christina Hodson (Bumblebee, 2018) gleich mehrere Fliegen mit einer Klappe. Zum einen wird Jared Letos viel kritisierter Joker (aus Suicide Squad) geschickt aus dem Fokus gestrichen und gleichzeitig wird der Fokus auf die (Anti-) Heldin gelegt. Außerdem wird der emotionale Hintergrund und die Gefühle, mit denen Harley Quinn zu kämpfen hat, direkt offen gelegt. Nicht zuletzt thematisiert Birds of Prey somit auch die Thematik der Emanzipation im Generellen.

Doch nicht nur mit dieser Entscheidung geht Cathy Yan – zumindest für DC und das DCEU (DC Extended Universe) – einen besonderen Weg. Denn mit den einleitenden Worten der Hauptfigur wird direkt in den ersten Minuten die vierte Wand durchbrochen. Harley Quinn spricht mit dem Zuschauer. Diesen Stil machte Deadpool (2016) mit großem Erfolg vor. Diesem Stil und diesem Humor nimmt sich nun auch Birds of Prey an.

Neben dem Stilmittel der vierten Wand wirkt auch der Humor und die Gewaltdarstellung vom Fox-Charakter inspiriert. Denn für eine Comicverfilmung auch nicht ganz typisch ist die Gewaltdarstellung und die Sprache der Figuren hier erwachsener. Das hat zur Folge, dass der Film die FSK-Freigabe ‘ab 16 Jahren’ erhielt. So, wie sich Harley Quinn als Figur und Birds Of Prey als Film klar vom Joker und dem DCEU abheben bzw. emanzipieren wollen, so ähnlich ist sie damit dem vorlauten Helden Deadpool. Das mag neben den Stilmittel auch an den Hauptfiguren selbst liegen. Beide sind vorlaut, haben in gewisser Weise einen persönlichen Verlust zu bekämpfen oder beklagen, spielen nach eigenen Regeln und handeln alles andere als moralisch einwandfrei.

Eine Nummer zu groß?

Zugegeben, dieser (wenn auch bekannte) Stil funktioniert grundsätzlich. Die überdrehte, bunte, verrückte Inszenierung auch – immerhin passt sie perfekt zur Hauptfigur – doch sorgt dies gerade im ersten Drittel für etwas “zerstückelte Hektik”. Soll heißen, dass nicht nur eine Zusammenfassung von Harley Quinns Geschichte geliefert werden muss, sondern neben dem aktuellen Stand ihrer Person auch noch die Figuren von Black Mask, Black Canary, Huntress und die der Polizistin und Taschendiebin eingeführt werden müssen. Das funktioniert zwar, wirkt aber zuweilen etwas sprunghaft und gehetzt.

Der Stil, der Humor und die Einblendungen ziehen sich durch den ganzen Film – was gut ist – vor allem in Verbindung mit Sound und Musik. Für die Musik verantwortlich ist Komponist Daniel Pemberton, der schon in King Arthur: Legend Of The Sword (2017) und Spider-Man: A New Universe (2018) zeigte, dass er zur Zeit einer der besten Filmkomponisten ist. Neben der Musik fallen aber vor allem die Sounds und deren Abmischung äußerst positiv auf. Gerade in den Kampfszenen sorgen diese für eine besondere Dynamik.

Birds of Prey: The Emancipation Of Harley Quinn Poster

Die Action selbst ist dagegen etwas zwiegespalten. Auch hier scheint man sich an der Action von Deadpool 2 (2018) beziehungsweise der Arbeit von David Leitch oder auch einem Chad Stahelski (John Wick-Reihe, 2014-2019) orientiert zu haben. Dies spricht erst einmal extrem für den Film. Keiner inszeniert momentan in Hollywood Action so gut wie die beiden Regisseure. Für die Actionszenen wurde letzterer sogar mit ins inszenatorische Boot geholt.Trotzdem will die Action zeitweise einfach nicht so beeindruckend gelingen wie in den Filmen um John Wick. Die “Einzelkämpfe” von Harley Quinn gegen einen oder mehrere Gegner gerade in Verbindung mit Sound und Musik sind sehr gut, doch sobald es zu Kampfszenen mit vielen Protagonistinnen und Gegenspielern kommt, wirkt alles etwas zu träge, etwas zu choreografiert. Hier hat Cathy Yan einen hohen Anspruch gestellt, der teilweise einfach zu hoch scheint.

Die Arbeit von Frauen

[Vor dem nachfolgenden Abschnitt möchte ich für die Einordnung meiner persönlichen Meinung nochmal betonen, wer ich bin. Ich bin ein weißer, privilegierter, junger Mann – der zwar einschätzen kann, wie eine Inszenierung funktioniert, aber nur mutmaßen kann, was die Intentionen von Regisseurin und Drehbuchautorin in der Inszenierung von Frauen sind.]

Birds Of Prey: The Emancipation Of Harley Quinn hat die Emanzipation schon im Namen. Auch wenn die Filmhandlung die Emanzipation kaum thematisiert, stehen doch die Produktionsumstände und die Inszenierung der Handlung sehr für diesen in Hollywood bitter benötigten Fortschritt. Denn dass es sich bei Drehbuchautorin und Regisseurin eben um Frauen handelt, merkt man immer wieder und das tut dem Film ausgesprochen gut. In der Handlung mögen es kleine Details sein, wie beispielsweise das Überreichen eines Haarbandes mitten im Kampf. Oder auch der Aspekt, dass die einzige relevante männliche Figur von Ewan McGregor hinter den “Birds of Prey” fast untergeht. Es ist aber nicht zuletzt auch die Inszenierung der Figuren selbst.

Harley Quinn wird als starke, selbstbewusste Frau inszeniert, die trotzdem ihre emotionalen Schwächen zeigen darf und kann. Besonders sei hier aber auch Black Canary erwähnt. Sie wird als vielschichtige und sympathische Figur inszeniert, ohne auf das Aussehen und ein paar (in engen Klamotten ausgeteilte) hohe Kicks reduziert zu werden. Das hat Vorbildcharakter.

Diese Inszenierung ist nicht immer sehr subtil und auch Dialoge und Handlung brechen selten mit Bekanntem (und sind schlussendlich auch nur guter Durchschnitt), doch das schadet dem Streifen kaum. Der Film will Popcorn-Kino sein und das schafft er auch.

Fazit

Birds of Prey: The Emancipation of Harley Quinn macht eigentlich nicht viel neu, hat sich aber clever inspirieren lassen. Nach einem holprigen Start vermag es Cathy Yan ein Ensemble zu inszenieren, was unterhält, wenngleich es auch von der grandiosen Margot Robbie in den Schatten gestellt wird. Ein passender visueller Stil gepaart mit tollem Sound sorgt für rundes Popcorn-Kino. Dessen Handlungen und Motive überraschen zwar selten, passen aber trotzdem ideal zur Figur Harley Quinn und deren Emanzipation vom Jokers und dem restlichen DCEU.

Der Film bekommt von mir 3,5 von 5 Sterne.

KR

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