Was muss eine Adaption leisten? – Charles Dickens: Der Mann, der Weihnachten erfand

Charles Dickens: Der Mann, der Weihnachten erfand Kritik Info

Es scheint fast schon eine ungeschriebene Regel zu sein: ein neues Jahr, eine neue Adaption der klassischen Weihnachtsgeschichte von Charles Dickens. Da es die in den verschiedensten Formen inzwischen wie Sand am Meer gibt, hat sich das Team rund um Regisseur Bharat Nalluri etwas Neues einfallen lassen…

Aus der Not geboren

1843, der Autor Charles Dickens (Dan Stevens) steckt in finanziellen Schwierigkeiten. Nachdem seine zwei letzten Bücher eher mäßig Abnahme fanden und der 31-jährige seinen Lebensstil nicht ändert, steht er vor der Pleite.

Auch seine Verleger glauben nicht mehr an den kurzfristigen Erfolg, sodass sich Charles selbstständig ans Werk macht, einen neuen Roman zu schreiben. Unter dem Titel “Eine Weihnachtsgeschichte” beschließt er, der Gesellschaft einen Spiegel vorzuhalten. Doch nicht nur steht er unter extremen Zeitdruck – bis Weihnachten sind es nur noch knappe drei Monate – auch weiß er bei seiner Geschichte nicht so recht, wie es weitergehen soll.

Hilfe bekommt er ausgerechnet von seiner erdachten Hauptfigur, dem Weihnachten hassenden Ebenezer Scrooge (Christopher Plummer)…

Das Risiko der Adaption

Eigentlich kennt jeder die weltbekannte Weihnachtsgeschichte des englischen Autors. Gerade die wurde auch schon auf verschiedenste Arten für Film und Fernsehen inszeniert. Das reicht vom Zeichentrick bis hin zur skurrilen Komödie Die Geister, die ich rief (1988), die die Geschichte in die Gegenwart versetzte.

Das Risiko, was eine solche Adaption also mit sich bringt, ist die Bekanntheit des Stoffes. Sollte es einer Adaption nicht gelingen der Geschichte eine neue Seite oder einen speziellen Kniff zu geben, wird sich der Zuschauer langweilen. Immerhin kennt er die grundsätzliche Story, denn so oder so ähnlich hat er sie schon zig Mal gesehen oder gelesen. Dies gilt keineswegs nur für “Eine Weihnachtsgeschichte”, auch eine erneute Auflage von beispielsweise “Sherlock Homes”, “Robin Hood”, oder auch “King Kong” muss sich dieser Herausforderung immer wieder stellen.

Charles Dickens: Der Mann, der Weihnachten erfand versucht sich der Geschichte von Seiten des Autors zu nähern. Ziel ist, die Grenzen zwischen Realität und Fiktion verschwimmen zu lassen. Die Charaktere werden vor dem inneren Auge des Autors lebendig und das wortwörtlich auch für den Zuschauer. Dass eine solche Überlappung von Vorstellung und Realität eines Künstlers sehr gut funktionieren kann, konnte man jüngst auch bei Mackie Messer – Brechts Dreigroschenfilm beobachten.

Ein Kammerspiel des Protagonisten

Die Ausgangslage ist also recht schnell klar. Spätestens mit dem ersten überraschenden Auftritt Ebenezer Scrooges  – der hervorragend inszeniert ist – wird das Ziel des Films klar. Ein Großteil der 104 Minuten Länge spielt sich in dem kleinen Autorenzimmer des Schriftstellers zwischen ihm und seinen Figuren ab. So gesehen könnte man zeitweise fast von einem Kammerspiel sprechen.

Poster Charles Dickens: Der Mann, der Weihnachten erfandDieses Kammerspiel wird aber immer wieder durch die Nebenfiguren aufgebrochen. Sie verleihen der Story Tiefe und Emotionalität. Ganz besonders ist das Charles Vater John, der von Jonathan Pryce gespielt wird und für das familiäre Drama sorgt. Die größte Stärke des Streifens ist aber Christopher Plummers Ebenezer Scrooge. Gerade dessen Auftreten und Interaktion mit dem Autor selbst sorgen für die Höhepunkte.

Hingegen als schwach entpuppt sich Hauptdarsteller Dan Stevens (Downton Abbey). Es mag auch an sehr aufgesetzt wirkenden Dialogen und einer (mich etwas irritierenden) deutschen Synchronisation liegen, aber er schafft es nicht, die volle Sympathie des Zuschauers zu gewinnen.

Ein Weihnachtsfilm braucht eine schöne Auflösung

Genau dieser Aspekt wird Charles Dickens: Der Mann, der Weihnachten erfand zum Verhängnis. Der Mann, der Weihnachten erfand, ist dem Zuschauer ein Stück weit suspekt. Wer sich nicht sofort in die Konversationen von Scrooge und Dickens verliert, der zweifelt die gesunde Psyche des Autors ziemlich schnell an. Hier soll selbstverständlich kein psychologisches Profil erstellt werden, doch wer nur einmal hinterfragt, wie es um den Geisteszustand desjenigen steht, der seine Frau aus dem Zimmer schmeißt, um mit erdachten Figuren zu diskutieren, der wird diesen Gedanken auch einfach nicht mehr los.

Und da das der Fall ist, wirkt auch eine (selbst für Weihnachtsfilme) kitschige Auflösung etwas fehl am Platz. Diese “Feel-Good-Auflösung” scheint gerade für diese Art von Film inzwischen genauso essenziell zu sein, wie die Musik, die einem eine gute Stimmung nahezu aufdrängt. Wo eine musikalische Untermalung eigentlich Emotionen unterstützen soll, impliziert sie hier hier nur. Dass das nötig zu sein scheint, spricht für sich selbst…

Fazit

Charles Dickens: Der Mann, der Weihnachten erfand hat einen cleveren Weg gewählt, um diese Adaption interessant zu machen. Jonathan Pryce als John Dickens und Christopher Plummer als Ebenezer Scrooge können auch oftmals über die schwache Hauptperson hinwegsehen lassen. Schlussendlich fällt das Drama von Regisseur Bharat Nalluri aber doch in alte Muster, etwas zu viel Kitsch und eine bekannte Story zurück und wirkt somit leider etwas zu lang..

Der Film bekommt von mir 2,5 von 5 Sterne.

KR

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.