Der schmale Grat zwischen Doku und PR – Das geheime Leben der Bäume

Das geheime Leben der Bäume Kritik Info

Erst mit seinem 16. Buch über Bäume sollte es Peter Wohlleben gelingen, auch die breite Masse zu erreichen. “Das geheime Leben der Bäume” wurde ein Bestseller, weltweit übersetzt und schaffte es erstmals, den Baum für die breite Masse “nahbar” zu machen. Nun läuft der gleichnamige Dokumentarfilm in den deutschen Kinos, doch es wird klar, ein relevantes Thema macht nicht automatische eine gute Dokumentation…

“Bäume sind Lebewesen”

Es wird ihm wohl selbst nicht klar gewesen sein, was er auslösen sollte, als Peter Wohlleben 2015 sein Buch “Das geheime Leben der Bäume” veröffentlichte. Fast über Nacht interessierten sich die Menschen für die Ökologie des Waldes. Seitdem gibt der Förster aus der Gemeinde Wershofen Führungen durch die Wälder, spricht vor Publikum, hält Lesungen, tritt in TV-Shows auf und wird auch gerne mit “Deutschlands bekanntester Förster” betitelt.

Die Dokumentation von Regisseur Jörg Adolph (Elternschule, 2018) begleitet den 56-Jährigen nun auf seiner Mission, über das Zusammenleben, die Kommunikation und das ökologische System der hölzernen Giganten aufzuklären. Immer wieder Auszüge aus dem Bestseller als Anstoß genommen, erklärt Peter Wohlleben selbst, was Holzwirtschaft für Folgen hat, warum Laubwald besser als Nadelwald ist oder führt uns zum ältesten Baum der Welt.

Jörg Adolph liefert in guten anderthalb Stunden einen ersten Überblick über das geheime Leben der Bäume…

Was steht im Mittelpunkt der Dokumentation?

Autor

Was will der Film erreichen? Diese Frage stelle ich mir häufig, wenn es an die Bewertung geht. Was ist das selbsterklärte Ziel, welche Zielgruppe spricht der Film an – erreicht er das auch? Gerade bei einer Dokumentation scheint diese Frage vermeintlich leicht zu beantworten zu sein. Der Dokumentarfilm will über ein Thema aufklären und eine Aufmerksamkeit schaffen… Das ist bei Das geheime Leben der Bäume auch nicht anders – immerhin basiert der Streifen ja auf einem Sachbuch, was genau das tat und tut.

Doch relativ schnell wird klar, dass eigentlich gar nicht so klar ist, was bzw. wer im Mittelpunkt steht. Der Titel sagt, es ginge um das Leben der Bäume. Doch einen Großteil des Films begleitet man Peter Wohlleben selbst, wie er Lesungen hält oder Interviews gibt. Jetzt mag man diese Unterscheidung kleinlich finden. Immerhin klärt der Förster ja genau damit auf. In diesen Film werden allerdings größtenteils Menschen gehen, die bereits ein gewisses Interesse an der Ökologie haben. Wenn diejenigen jetzt erwarten, dass sie mehr über Ökologie lernen, doch zum Großteil nur einen Förster begleiten, der die Wichtigkeit der Ökologie an sich herausstellt, dann bleibt der Film hinter den Erwartungen zurück.

Und so fühlt sich Jörg Adolphs Doku nur zur Hälfte wie eine an. Streckenweise hat man eher den Eindruck ein Behind-The-Scenes des Autors und dessen öffentlichkeitswirksamen Lebens zu verfolgen. Für eine Dokumentation bleibt zu sehr ein bitterer Beigeschmack der PR. Nicht zuletzt, weil Peter Wohlleben neben der wichtigen Schaffung von Aufmerksamkeit in der Forstszene nicht unumstritten ist. Bezeichnend für meinen geteilten Eindruck ist dann auch, dass der gesamte Film kein einziges Wort über Kritiker des Försters und dessen Methoden verliert.

Poster Das geheime Leben der Bäume

Lasst den Wald für sich selbst sprechen

Wenn dann aber mal der Fokus auf dem Wald liegt, dann wirkt das umso besser. Der Naturfilmer Jan Haft vermittelt hier mit langen Einstellungen, tollen Bildern und riesigen Zeitraffern einen Eindruck, wie sehr sich selbst die größten Bäume vor unser aller Augen verändern. Gerade diese Zeitraffer zeigen, dass wir im wahrsten Sinne des Wortes oftmals nicht den Wald vor lauter Bäumen sehen. Sie zeigen, wie lebendig jede Hand voll Walderde ist, wie abhängig jeder Baum vom Nebenmann ist und in welch stetem Wandel sich der Wald vor unserer Haustür befindet.

Schade ist da eigentlich nur, dass zu selten die Atmosphäre dieses Ökosystems herausgehoben wird. Die Geräusche des lebendigen Waldes, das Knacken der Zweige, das Rascheln der Blätter wird zu häufig einfach mit Musik übertönt.

Fazit

Das geheime Leben der Bäume ist positiv ausgedrückt ein Allrounder. Regisseur Jörg Adolph bietet basierend auf Peter Wohllebens Buch einen mit tollen Aufnahmen ausgestatteten Überblick über das Thema Wald. Doch zu häufig driftet der Dokumentarfilm vom Leben der Bäume zum Leben des bekannten Försters. Wenn der Fokus allerdings schon auf ihm liegt, dürfen Gegenstimmen an dessen Methoden/Meinungen nicht gänzlich unter den Tisch fallen.

Für einen Ersteindruck in die Flora vor unserer Tür ist das geheime Leben der Bäume allerdings ein gutes Mittel.

Der Film bekommt von mir 3 von 5 Sterne.

KR

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