Paradebeispiel für moderne Adaption – Das schönste Mädchen der Welt

Das schönste Mädchen der Welt Kritik InfoDas schönste Mädchen der Welt ist eine Adaption des romantisch-komödiantisches Versdramas “Cyrano de Bergerac” von Edmond Rostand aus dem Jahre 1897. Wie Regisseur Aron Lehmann es gelingt, daraus eine Teenager-Komödie zu schaffen, welche Diskussionen die Besetzung aufwirft und warum der Film zeitweise sogar an La La Land erinnert, jetzt.

Aus Cyrano wird Cyril

Der 17-jährige Cyril hat es nicht leicht. Seine sehr große Nase sorgt dafür, dass er in der Schule gehänselt wird. Zudem ist er selbst nicht glücklich über sein Aussehen. Das macht ihn zum stillen Aussenseiter.

Nur bei seinem großen Hobby und Talent kann der Jugendliche aus sich heraus. Hinter einer goldenen Maske tritt er anonym auf Rapbattle-Turnieren auf. Mal unter dem Namen Maskenmann, mal als Goldgesicht. Hier ist Cyril in seinem Element, vielmehr als in seinem restlichen Leben. Daran kann auch seine Mutter (Anke Engelke), die ihm so häufig peinlich ist, nichts ändern.

Dementsprechend ist er auch wenig begeistert, als es für ihn und seine Chaotenklasse auf Klassenfahrt nach Berlin geht. Als aber die neue Mitschülerin Roxy (Luna Wedler) sich im Bus zu ihm setzt, lernen die beiden sich näher kennen und Cyril kann endlich aus sich heraus. Die beiden besuchen eines Abends gemeinsam ein Rapbattle-Turnier und  Cyril tritt hinter seiner Maske auf. Roxy ist von diesem talentierten Rapper begeistert, weiß aber nicht, dass sich Cyrill dahinter verbirgt.

Es kommt zu einer Verwechslung und Roxy glaubt bald in Cyrills gutaussehendem, aber dummen Mitschüler Rick (Damian Hardung), den Rapper erkannt zu haben. Da dieser aber gar nichts mit Worten anzufangen weiß, hilft Cyril diesem, um seiner Angebeteten “nahe” zu sein. Cyrill wird zu dem Ghostwriter des naiven Rick und komponiert und rappt in dessen Namen Liebessongs für Roxy. Dass das nicht lange gut gehen kann, ist klar, denn auch der bösartige Benno (Jonas Ems) buhlt um die Gunst der sympathischen Neuen.

Aus Versen wird Rapmusik

Das Grundgerüst der ursprünglichen Geschichte bleibt. Dort schrieb im 17. Jahrhundert der Dichter Cyrano noch für den von Roxanne angehimmelten Christian von Neuvillette Gedichte, um seiner Liebe Ausdruck zu verleihen. Diese Dreieckskonstellation ist auch im aktuellen Film von Regisseur Aron Lehmann die Basis. Konsequenter Weise werden die Gedichte zu einer aktuelleren lyrischen Kunstform – dem Rap.

Damit stellt sich Das schönste Mädchen der Welt neben der Jugendsprache einem weiteren großen Risiko. (Darüber sprach ich mit dem Regisseur Aron Lehmann bereits bei der Deutschlandpremiere. Zu dem Bericht geht es hier.) Viele Jugendfilme sind bereits daran gescheitert, dass Erwachsene versuchten, die Sprache, den Stil und die Geschmäcker Jugendlicher nachzuahmen und sind daran kläglich gescheitert. Genau das tut das Werk nicht und sorgt dafür, dass die Dialoge in ihrer oft harten Ausdrucksweise realistisch wirken.

Gerade die Rappassagen (auch im Vergleich zur Verfilmung von 1990 mit  Gérard Depardieu) sind die Höhepunkte der 103 Minuten Laufzeit. Man merkt zwar, dass diese Texte keineswegs von den Rappern improvisiert wurden, doch die Tonalität und vor allem die Beats sind stimmig und bereiten gute Laune. Hinzu kommt eine sehr fein inszenierte Szene, in der die beiden Hauptfiguren in einer Art Tanzchoreografie die Gegenwart hinter sich lassen. Das erinnert zeitweise sogar an La La Land (2016) und davon hätte es noch viel mehr geben sollen.

Das schönste Mädchen der Welt PlakatÜberraschendes Schauspiel und diskutable Besetzung

Neben diesen stilistischen Feinheiten gehört die Jungdarstellerin Luna Wedler zu den großen Überraschungen des Streifens. Ihre sympathische, unverstellte Roxy sorgt dafür, dass man mit dem unglücklich verliebten, unsicheren Cyril mitfiebert. Sie bildet das Zentrum dieser komödiantischen Romanze und die schauspielerisch besten Momente.

Sehr überraschend fällt im vergleich Heike Makatsch als Klassenlehrerin Frau Reimann zurück. Es mag ein Stück weit an der geringen Screentime liegen, doch ihr Rumgeschreie als Klassenlehrerin will nicht ganz ins Bild passen.

Ein weiterer auffälliger Aspekt ist die Besetzung zweier Nebenrollen. Mit dem Antagonisten Benno und der quirrlig-nervigen Titti werden zwei entscheidende Nebenrollen von unausgebildeten Youtubern besetzt. Die Intention dahinter ist klar. Sie werden ihre junge Zielgruppe in die Kinos locken.

Julia Beautx verschwindet sowieso oftmals im Hintergrund. Aber dass Jonas Ems als Benno seinen Job ordentlich macht, ändert nichts daran, dass zukünftig eine solche Entwicklung kritisch zu betrachten ist. (Darüber habe ich auch mit dem Hauptdarsteller Aaron Hilmer gesprochen. Auch hier der Bericht.)

Der Laufzeit geschuldet?

Auffällig ist, dass neben der tiefen Charakterisierung der Hauptfiguren die Nebenfiguren stark abfallen. Vor allem Fiesling Benno hätte klarere Motivationen gebraucht. Vielleicht ist das aber auch der angenehmen Laufzeit geschuldet.

Ihr könnte zudem geschuldet sein, dass nicht alle angeschnittenen Themen zu einem eindeutigen Ende geführt werden. Ohne zu viel verraten zu wollen, bleibt fraglich, ob einige Konflikte so einfach aufgelöst werden sollten, obwohl teilweise schwere Themen dahinter liegen. 

Diese Erklärung enthält einen kleinen Spoiler!

Ganz besonders ist hierbei der versuchte Gebrauch von K.O.-Tropfen gemeint. Ein solches Vergehen sollte nicht “dem Klassenfrieden zu Liebe” hinten runterfallen. Zudem wird immer wieder eine Homosexualität Ricks und ein Anbändeln der Klassenlehrerin und des Betreuers angedeutet, ohne diese letztendlich zu einem klaren Schluss zu führen.

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Fazit

Das schönste Mädchen der Welt ist ein Paradebeispiel dafür, wie klassische Stoffe modern adaptiert werden sollten. Rapbattles, ein guter Soundschnitt und vereinzelte Choreografien sorgen für einen erfrischenden, unverbrauchten Stil. Der Tonus der Dialoge, die Konflikte der Jugendlichen und deren Umgang damit wirken realistisch und das sympathische Duo, allen voran die stark spielende Luna Wedler, sorgen dafür, dass ab heute vielleicht der stärkste Jugendfilm dieses Jahres im Kino läuft.

Der Film bekommt von mir 4 von 5 Sterne.

KR

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