Eine Grundsatzfrage – Der König der Löwen

Der König der Löwen Kritik Info

Ab heute läuft die Neuverfilmung von einem der erfolgreichsten Zeichentrickfilme aller Zeiten in den deutschen Kinos. 25 Jahre nach Der König der Löwen (1994, Roger Allers und Rob Minkoff) liefert Regisseur Jon Favreau das computeranimierte Remake. Dabei kommt es einer Kopie ungemein nahe, doch gerade die Unterschiede werden über Erfolg oder Scheitern des Werkes entscheiden.

Vom ewigen Kreis des Lebens

Den Lebewesen der Savanne geht es gut. Unter dem weisen König der Tiere, dem Löwen Mufasa (im Original wieder gesprochen von James Earl Jones) bleibt der empfindliche Kreis des Lebens im Gleichgewicht. Mit der Geburt des Löwenjungen Simba steht zudem ein Thronfolger fest.

Doch nicht jedem gefällt diese Art der Thronfolge. Vor allem Mufasas Bruder neidet ihm den Thron. Durch Heimtücke ergaunert sich der skrupellose Scar (Chiwetel Ejiofor) den Thron und der junge Simba wird ins Exil verbannt.

Dort findet er im Erdmännchen Timon (Billy Eichner) und dem Warzenschwein Pumbaa (Seth Rogen) neue Freunde und wächst fernab der Heimat auf. Doch als rechtmäßiger König ruft das Schicksal nach ihm und der erwachsene Simba (Donald Glover) macht sich auf, nicht nur das Königreich wieder zurück zu erobern, sondern auch seine Freundin Nala (Beyoncé Knowles-Carter) und alle Tiere von der Unterdrückung durch seinen Onkel zu befreien.

Von (wortwörtlich) bekannten Motiven

Wer das Original nicht gesehen hat, sollte dies schnellstmöglich nachholen. Doch auch ohne die herausragende Vorlage gesehen zu haben, kennt man die Motive der Geschichte. Thronraub, Verrat, Freundschaft, Tragödie, Liebe, Verantwortung – all diese shakespearesken Aspekte findet man in fast jeder guten Geschichte. Sie sind es, die neben den liebevollen Zeichnungen wohl auch für den immensen Erfolg des 1994er Films verantwortlich waren. Grundsätzlich ist es also gar nicht unklug, diese Geschichte einfach noch einmal neu zu erzählen.

Denn dieser König der Löwen übernimmt nicht nur die Story in all ihren Einzelheiten, sondern auch Dialoge und Bilder/Motive häufig 1 zu 1 aus dem Zeichentrickfilm. Das ist gleich in mehrfacher Hinsicht clever. Zum einen wollen Fans des Originals den neuen Look bestaunen, zum anderen ist die Story einfach zu gut, um als Remake zu floppen.

Doch Disney muss sich deshalb auch zwangsläufig den Vorwurf gefallen lassen, rein finanzielle Absichten zu verfolgen. Dass ein Konzern auf Profit aus ist, ist natürlich klar, doch kann man wohl nicht abstreiten, dass in der bloßen Neuverfilmung eines erfolgreichen Films, ohne viel neuartigen, künstlerischen Einfluss, ein gewisses finanzielles Kalkül zu erkennen ist. Für die Bewertung eines Remakes stellt sich dann folglich die essenzielle Frage:

Beeinflusst die Intention des Produktionsstudios die Qualität eines Einzelwerkes?

Szene SimbaZugegeben, eine nicht nur schwere Frage, auch eine absolut subjektiv zu beantwortende. Mit ihr einhergehend dann auch die, ob eine haargenaue Neuverfilmung überhaupt unabhängig vom Original betrachtet werden kann…

Was das angeht, bin ich selber unsicher. Schaut man auf meine Einschätzungen zu Netflixs Death Note oder Mein Bester und Ich, wird auffallen, dass ich immer wieder Bezug auf das Original genommen habe. Gleichzeitig bin ich der Meinung, dass man einen Film auch immer ein Stück weit als Einzelwerk sehen muss. Klingt paradox, ist es vielleicht auch.

Um dieser Neuverfilmung trotzdem gerecht zu werden, versuche ich, nachfolgend beide Seiten ein wenig zu betrachten. Jene, die sich an der kommerziellen Ausschlachtung altbekannten Disneystoffs zurecht stört und der Seite, die den Film alleinstehend, ohne jegliche Produktionsumstände betrachten will.

Als Einzelwerk funktioniert Der König der Löwen nämlich sehr gut. Die Story ist (wie auch im Original) dramatisch, mitreißend, lustig, die Figuren Tiere sind motiviert. Man mag ein Fan von Musicals sein oder auch nicht. Songs wie “Circle Of Life” oder “Can You Feel The Love Tonight” werden aber zurecht für immer Klassiker bleiben.

Hingegen fällt im Kontext des Films von 1994 auf, dass diese “Kopie” 30 Minuten länger läuft. Diese werden allerdings nicht in neue Szenen, sondern lediglich in weitere Shots der Umgebung etc. investiert. Mehrwert für die Story geben sie somit nicht, maximal für das Feeling. Die Unterschiede zwischen 1994 und 2019 lassen sich am Ende wohl an zwei essenziellen Punkten festmachen – erstens der Optik, zweitens der Stimmen.

Realistische Optik vs. fantastische Vertonung

War der Streifen der Regisseure Roger Allers und Rob Minkoff noch reiner Zeichentrick, sind jetzt die Bilder computeranimiert. Regisseur Jon Favreau hat damit Erfahrung. Er realisierte bereits die Disney Realverfilmung von Das Dschungelbuch (1967) The Jungle Book (2016).

Kleiner Zusatz

Bei dieser Gelegenheit möchte ich gerne Stefan (vgl.) aus unserem Podcast zitieren: “Es ist schon skurril, bei einem Film, der komplett am Computer entstanden ist, von ‘Realverflimung’ zu sprechen.”

Ob man als einzelner Zuschauer nun lieber die gemalten oder die CGI-Bilder mag, muss jeder für sich entscheiden. Fakt ist: die Animationen beim aktuellen Der König der Löwen sind atemberaubend. In ihrem Realismus legen diese Tiere und Landschaften neue Maßstäbe – und genau das ist vielleicht das Problem…

Denn diesem Drang nach Realismus, auch in der Umsetzung der Musicalszenen, steht die Vertonung der Tiere entgegen. Ich habe den Film nur in der Originalvertonung gesehen und kann daher nichts zur deutschen Synchronarbeit sagen – doch das Problem bleibt das selbe. Auch wenn Chiwetel Ejiofor Scar hervorragend Leben einhaucht und Seth Rogen und Billy Eichner als Timon und Pumbaa die heimlichen Stars des Films sind, der visuelle Realismus in Kombination mit der Vertonung der Tiere kommt nicht so gut zusammen, wie es im Original der Fall war.

Der König der Löwen Poster

So ist es fast schon bezeichnend, dass die Adaption von “Can You Feel The Love Tonight” durch die Musiker Beyoncé Knowles-Carter und Donald Glover (im Vergleich zum Original) den schwächsten Moment des Films darstellt. Gerade weil ganze Szenenbilder und Dialoge von 1994 übernommen werden, stört man sich an diesem neuen Klang der altbekannten Lieder.

Können Filme eine Seele haben?

Als ich mit anderen Filmkritikern über Der König der Löwen gesprochen habe, fiel immer wieder die Aussage, der Neuverfilmung fehle im Vergleich zum Original die Seele. Doch stimmt das? Hatte damals Disney nicht die gleichen finanziellen Interessen wie heute? Ist das nicht vielleicht auch die Glorifizierung des Altbekannten?

Ich stelle hier erneut Fragen, die ich nicht ganz beantworten kann. Dass der Zeichentrick damals besonders in seiner Detailtreue der Zeichnungen und der Leidenschaft der Songs war, daran besteht wohl kaum Zweifel. Doch auch jetzt setzt Jon Favreau Maßstäbe der Details und ich will Donald Glover, James Earl Jones und Co. auch nicht vorwerfen wenig Leidenschaft in die Vertonung der Tiere gesteckt zu haben – ein fader Beigeschmack bleibt trotzdem.

Vielleicht hat der aktuelle Der König der Löwen auch einfach nur das Pech, in eine Zeit zu fallen, in der die Zuschauer von all den Spin-Offs, Reboots und Neuverfilmungen übersättigt sind. Vielleicht wird das Remake auch nur exemplarisch abgestraft, um zu zeigen, dass diese vermeintlich unkreative Art der Geldmache nicht mehr so angenommen wird.

Fazit

Der König der Löwen wird die Meinungen der Zuschauer ähnlich spalten wie meine eigene. Der Film ist in seinen Produktionsumständen und im Vergleich zum Original nur unkreatives, vielleicht sogar enttäuschendes, seelenloses Mittelmaß. Als alleinstehender Film erfüllt er aber fast alle Aspekte, die mir an einem solchen Werk gefallen.

So pendelt sich Jon Favreaus Neuverfilmung irgendwo zwischen “Die Geschichte, die Figuren, die Songs sind einfach zeitlos toll.” und “Das ist wieder mal einfachste Geldmache durch Nostalgie” ein.

Der Film bekommt von mir 3,5 von 5 Sterne.

KR

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