Was ist die Aufgabe des Filmkritikers?

Filmkritiker seinJeder (gerne selbsternannte) Filmkritiker nimmt sich da ja ganz schön was raus, wenn er denkt, beurteilen zu können, ob ein Film gut oder schlecht ist. Man müsste doch meinen, dass dies vom Geschmack des jeweiligen Kritikers abhängt, oder? Genau das ist es aber, was meiner Meinung nach häufig missverstanden wird: Ja, die eigenen Vorlieben und die eigene Wahrnehmung spielen eine Rolle. Schließlich ist es das Individuum, das, bevor es zum Kritisieren kommt, den Film konsumiert. Aber nein, der eigene Geschmack sollte nicht der Hauptgrund für eine positive oder negative Filmrezension sein.

Um das begründen zu können, muss auf die eigentliche Intention der Filmkritik geschaut werden. Jede Woche kommen einige Filme in die Kinos. Der Ottonormalverbraucher geht allerdings nicht in jeden Film. Im Gegenteil: Gerade die Deutschen gehen mit durchschnittlich 1,47 Kinobesuchen pro Jahr (Stand: 2016) sehr selten ins Lichtspielhaus. Dies mag nicht zuletzt an den steigenden Ticketpreisen liegen. Wenn sich der normale Konsument nun aber dazu entschließt, im Kino einen Film zu sehen, steht eine Frage im Raum: Welchen Film soll man schauen?

Hier beginnt die Aufgabe des Filmkritikers. Dieser schaut sich viele aktuelle Filme an und schätzt diese ein, um den unentschlossenen Kinogänger „an die Hand zu nehmen“. Doch wie schafft man es, eine generelle Einschätzung des Films abzugeben, wenn man den Geschmack des Lesers, der an die Hand genommen werden will, nicht kennt?

Vergleichbare Aspekte

Die Lösung sind Beurteilungskriterien, die für jeden ersichtlich sein müssen. Häufig stellen sich dabei ähnliche Fragen. Ist die Story nachvollziehbar? Gibt es Logiklücken? Passt die Besetzung der Figuren und wie spielen die Schauspieler? Wirken die Dialoge natürlich? Wie ist der Einsatz der Musik? Wie ist das Tempo der Erzählung, passt es oder gibt es langatmige Szenen oder Abschnitte? Ist der Film optisch ansprechend (Maske, Kostüme, CGI, Location, Kameraarbeit)?

Das sind bei weitem nicht alle. Einige gehen Hand in Hand und einige sind vom Genre abhängig. Denn um die Frage zu beantworten, ob ein Film in seinem Genre funktioniert, müssen die Aspekte und Ziele eines Genres erfüllt werden. Eine Komödie soll lustig sein, eine Drama soll emotional sein, ein Horrorfilm soll gruseln und so weiter. Dass es dabei nicht alleine auf diese Kriterien heruntergebrochen werden kann, macht es nicht gerade leichter.

Und so kommt es dann doch irgendwie auf die subjektive Meinung des Kritikers an. Dieser kann zwar alle Aspekte bewerten, doch jeder setzt unterschiedliche Prioritäten, die natürlich mit seinen individuellen Vorlieben zusammenhängen. Ein Fan von Actionfilmen wird die Aspekte ganz anders werten als ein Fan von Dramen, der Actionfilmen wenig abgewinnen kann. Ersterer wird die Story weniger streng bewerten, wenn es nur ordentlich knallt, während Letzterer vielleicht Tiefgang vermissen wird.

Genau dieser Aspekt des Kritisierens hat gleich mehrere Folgen. Zum einen kann es vorkommen, dass Kritiker A Star Wars: Die letzten Jedi grandios findet und Kritiker B enttäuscht ist. Warum aber Kritiker der verschiedensten Medien häufig ähnlich über einen Film denken, liegt an der Art, wie Filme geschaut werden. Denn es gibt doch einen Unterschied darin, ob ein Film unterhaltsam ist oder (kritisch gesehen) gut ist.

Jemand, der sich anmaßt, einschätzen zu können, ob ein Film gut oder schlecht ist, sollte über ein gewisses Know-How verfügen. Besitzt man dieses und schaut einen Film mit dem Vorsatz, diesen später zu bewerten, wird man ihn mit anderen Augen sehen. Es wird also aktiv auf die genannten Kriterien geachtet. Dies wird der ein oder andere beim persönlichen Filmabend abstellen können – ich kann es nicht.

Unterschied zwischen persönlicher Meinung und kritischer Einschätzung

Es kann somit vorkommen, dass der neue Pirates Of The Caribbean den Filmkritiker unterhalten hat, die Einschätzung im Medium (egal ob Print, TV oder Online) aber trotzdem nur mittelmäßig ausfällt, weil Dialoge, Figurenentwicklung und Geschichte deutlich weniger originell sind als bei den Vorgängern. Wichtig ist meiner Ansicht nach nur, dass eine von vornherein bestehende persönliche Meinung (beispielsweise gegenüber einer Filmreihe oder einem Genre) nicht den Hauptausschlag einer Kritik gibt.

Es ist also von Vorteil, wenn man sich für so viele Genres wie möglich begeistern kann. So schade es sein mag, bin ich zum Beispiel in keiner Weise ein Fan von Horrorfilmen. Im Gegenteil: Ich schaue sie höchst ungern, wenn überhaupt. Deshalb muss ich diejenigen enttäuschen, die sich hier Meinungen zu Horrorfilmen wünschen. Nach jetzigem Stand wird es die in absehbarer Zeit nicht geben. Das liegt daran, dass sich mein Wissen über dieses Genre stark in Grenzen hält und ich mit meiner Ablehnung des Genres voreingenommen ins Kino gehen würde. Ich glaube, dass es unter diesen Voraussetzungen nicht möglich wäre, eine qualitativ hochwertige Kritik zu liefern.

Doch was bedeutet das für den Leser von Filmreviews, wenn ein Film die Gemüter der Kritiker spaltet? Wer ab und an Reviews und Kritiken der verschiedenen Journalisten und Blogger liest, dem wird vielleicht auffallen, dass er Journalisten und Blogger gibt, deren Meinung man häufig teilt, und solche, die häufig komplett anderer Meinungen sind als man selbst. Stößt man auf einen Kritiker, dessen Filmbesprechungen man zustimmt, ist es wahrscheinlich, dass man (unbewusst) dieselben Kriterien priorisiert.“

Ich bin der festen Ansicht, dass die Priorisierung der Kriterien auch der große Unterschied zwischen den verschiedenen Kritikern ist. Mit etwas Erfahrung und Wissen im filmischen Bereich werden die einzelnen Aspekte von den meisten „Experten“ ähnlich wahrgenommen, aber unterschiedlich gewichtet. Hier gilt natürlich auch: Ausnahmen bestätigen die Regel.

Was ist also die Aufgabe des Filmkritikers?

Schwierig … Ich glaube, plump gesagt: einen Film nach speziellen Kriterien einzuschätzen, um diese zu gewichten und dem Leser somit zu erzählen, ob der Film etwas für ihn ist, wenn er Wert auf das eine Kriterium legt, während ihm andere vielleicht weniger wichtig sind.

Doch auch Filmkritiker vergessen manchmal, dass genau dies ihre Aufgabe ist. Ich will mich dort keineswegs rausnehmen. So gerne ich die Machart eines Films analysiere, um einen Mehrwert zu bieten, hilft es dem „gemeinen Zuschauer“ wenig, wenn ich den Einsatz des Kuleschow-Effekts preise, aber der Leser am Ende nicht weiß, ob der Film etwas für ihn ist oder nicht.

Kritiker, ob Journalist oder Blogger, haben Verantwortung und Privilegien. Sie können beeinflussen, wie der Leser seine Freizeit verbringt und können sich bei Pressepreviews vorab Filme kostenlos anschauen (und werden teilweise dafür bezahlt). Dementsprechend respektvoll und verantwortungsbewusst muss bei der Produktion von Podcasts, Videoreviews und Artikeln vorgegangen werden. Wenn dem Zuschauer oder Leser einer Filmreview trotz aller negativen Punkte klar wird, dass der beschriebene Film etwas für ihn ist, er ins Kino geht und gut unterhalten wird, dann hat die Filmkritik ihren Sinn erfüllt.

KR