Dunkirk – Ein Film, der außergewöhnlich, aber nicht zwangsläufig außergewöhnlich gut ist

Vorwort: Als ich vergangenen Donnerstag ins Kino ging, war der Film zwar erst an diesem Tag gestartet, doch kam ich dadurch natürlich nicht drum herum, vorher bereits zu hören, wie ungewöhnlich, toll oder auch spaltend der neueste Nolan-Film sei. Ich habe es trotzdem gehandhabt, wie immer. Vor der eigenen Kritik keine anderen lesen, um nicht beeinflusst zu werden. Dass mir die Kritik dieses Mal so schwerfiel, wie noch nie – das liegt nicht nur daran, dass ich die große Grundmeinung dem Werk gegenüber schon kannte, sondern auch am Film selbst. Deshalb heute die Kritik in schriftlicher Form, weil ich dem Film in 100 Sekunden nicht gerecht werden kann – dafür ist er einfach zu außergewöhnlich.

“Ein viel diskutierter Regisseur…”

Dunkirk KritikEs lief eigentlich so, wie immer. Einer großer, vielleicht sehr geliebter, aber auf jeden Fall viel diskutierter Regisseur kündigt einen neuen Film an. Euphorie. Das Thema: überraschend. Dann die ersten Setbilder. Vorfreude, Diskussionsbedarf und Fragen.

Nicht anders war es, als Christopher Nolan (Memento, The Dark Knight, Inception, Interstellar) Ende 2015 ankündigte einen Film über die Geschehnisse bei Dünkirchen im Zweiten Weltkrieg zu drehen. Die Fragen auch hier: Was genau wird er zeigen? Reicht das überhaupt für einen Film?

Umso mehr wurde der 21.07.2017 in den USA und der 27.07.2017 hierzulande erwartet.

Dunkirk ist ein Kriegsfilm, der sich mit der Schlacht in Dünkirchen an der Nordküste Frankreichs während des Zweiten Weltkrieges im Jahr 1940 beschäftigt. Wobei ich mich hier doch gleich verbessern muss. Es ist nicht die Schlacht die im Mittelpunkt steht. Vielmehr ist es die sogenannte „Operation Dynamo“. Sie beschreibt die Rettung von knapp 400.000 von Deutschen eingekesselten britischen und französischen Soldaten.

“Drei verschiedene Perspektiven”

Der Film zeigt genau das – aus drei verschiedenen Perspektiven, in drei verschiedenen Handlungssträngen. Dunkirk erzählt zum einen die Geschehnisse aus den Augen zweier an Land stationierter Soldaten, die versuchen vom Strand zu fliehen. Die zweite Perspektive ist die des Kampfpiloten Farrier (Tom Hardy) und der dritte Handlungsstrang zeigt einen Hobbysegler, der nach einem Aufruf der britischen Behörden, sich mit seinem Segelboot auf eigene Faust aufmacht, Soldaten vom Strand zu retten.

Diese Dreiteilung der Story ist der erste Geniestreich Nolans, denn somit ‘müssen’ auch drei Handlungen erzählt werden. Dies hat zur Folge, dass es eben nicht langweilig wird und die 107 Minuten alles andere als langatmig wirken. Doch auch hier muss ich mich wieder selbst korrigieren. Die Handlung wird nicht erzählt, sie wird gezeigt. Über weite Strecken kommt der Film fast vollkommen ohne Dialoge aus. Man lässt die Bilder für sich sprechen.

Und diese sind toll. Grund dafür ist nicht nur Kameramann Hoyte van Hoytema (Interstellar), sondern auch, wie der Film gedreht wurde. Im Gegensatz zum heute üblichen Digitalfilm, wurde Dunkirk im analogen 70mm IMAX Format aufgenommen. Wo dem Zuschauer der technische Unterschied und der damit verbundene Mehraufwand egal sein kann, wird er aber auch merken, dass dies die Bilder so einzigartig macht. Sie wirken natürlicher und mit ihrer Blaufärbung trotzdem besonders.

Hans Zimmer

Der größte Geniestreich des Films hat hingegen einen Namen. Hans Zimmer. Der Filmkomponist, der bereits zuvor mehrmals mit Christopher Nolan zusammengearbeitet hatte ist auch dieses Mal für den Score / die musikalische Untermalung verantwortlich. Und da eben nur ein Bruchteil des Films Dialoge beinhaltet, kommt der Musik eine selten wichtige Aufgabe zu. So ist es ihr zu verdanken, dass die Spannung und bedrohliche Lage, in der sich die Soldaten befinden, von Anfang bis Ende aufrechterhalten wird.

Was den Film von so vielen anderen Kriegsfilmen abhebt ist, dass er auf einem völlig anderen Grundverständnis des Krieges fußt, als so viele andere. Denn die Deutschen sind hier nicht das direkte Feindbild, denn sie werden kein einziges Mal als richtige Gegner persönlich dargestellt. Vielmehr sind sie nur eine Folge des eigentlichen Feindes – des Krieges.

Jener ist mit all seinen omnipräsenten Risiken, Gefahren und Folgen der eigentliche Feind der 400.000. Und vor diesem Hintergrund ist es dann auch kaum mehr erstaunlich, dass dieser Kriegsfilm kaum Krieg zeigt. Auch wenn es Explosionen, Bombenabwürfe und vereinzelt Schüsse gibt, so steht er dennoch nicht im Mittelpunkt.

Im Mittelpunkt stehen die den Gefahren und Folgen ausgesetzten Protagonisten und deren Kampf ums Überleben, oftmals im Zwiespalt mit der eigenen Moral.

All das macht Dunkirk zwar ungewöhnlich, außergewöhnlich und meinetwegen auch wegweisend, doch hat er trotzdem in meinen Augen eine Schwäche, die eigentlich aus einer Stärke resultiert – Realismus.

“Durchgängige Spannung”

Ich bin glücklich, dass ich aus eigener Erfahrung nicht sagen kann, ob dieses Kriegsszenario der Realität nahe ist. Trotzdem wirkt es genau so. Durchgängige Anspannung prägt diesen Film. Die Persönlichkeit hinter den einzelnen Gesichtern bleibt unbekannt, von einigen Figuren wissen wir nicht einmal den Namen – dies alles wirkt realitätsnah. Leider ist es genau dem geschuldet, dass ich zwar mit der großen Masse an Soldaten mitgehofft habe, aber mir, aufgrund der fehlenden Figurentiefe, der Bezug zu den einzelnen Protagonisten fehlte.

Auch wenn Nolan in die Trickkiste greift und mit sich überschneidenden Handlungssträngen, Zeitsprüngen, etc. versucht die Grundgeschichte komplexer zu gestalten, sind es am Ende Personen, die den ganzen Film darauf warten, dass es zur Evakuierung kommt, zum Strand hinsegeln, oder auch die Soldaten vom Flieger raus zu verteidigen.

Dies hat zur Folge, dass es zwar durch die ständige Bedrohung des Krieges durchgehend spannend ist, eine Spannungskurve mit klaren Höhepunkten für mich aber nur schwer auszumachen ist. Dass diese für jedermann essenziell ist, muss allerdings nicht sein.

“Nolans Werk ist am Ende eben kein Kriegsfilm”

Es ist damit ein Film, der die negativen, omnipräsenten Folgen des Krieges für verschiedene Charaktere in den Mittelpunkt steht und dabei nicht einmal jenen glorifiziert. Und somit muss ich mir dann doch noch einmal widersprechen, denn Nolans Werk ist am Ende eben kein Kriegsfilm, sondern vielmehr ein Antikriegsfilm.

Schlussendlich ist Dunkirk ein nervenaufreibender, außergewöhnlicher und mit Sicherheit wegweisender Film – nicht nur für Anti-/Kriegsfilme, der zwar vom ersten bis zum letzten Moment spannend ist, aber keine Spannungshöhepunkte hat. Er schafft es dadurch unfassbar realistisch zu sein, was für den einen das Muss für einen Antikriegsfilm sein mag, für mich sich dadurch aber zu weit vom Spielfilm entfernt hat – und genau das macht diesen Film so schwierig für mich.

So kann ich am Ende Dunkirk nur 3 von 5 Sternen geben und paradoxerweise rate ich trotzdem jedem diesen Film zu sehen, da ich mir sicher bin, dass er auch in Jahren ein außergewöhnlicher Film sein wird, der Diskussionspotenzial bietet.

#KR

Ein Gedanke zu „Dunkirk – Ein Film, der außergewöhnlich, aber nicht zwangsläufig außergewöhnlich gut ist

  • 1. Oktober 2017 um 18:53
    Permalink

    DUNKIRK ist einer dieser Filme, die man zwangsläufig im Kino sehen muss, weil sie auf dem kleinen Handybildschirm gar nicht richtig zur Geltung kommen. Die Geschichte, die Nolan erzählt, kommt ohne Pathos und zumindest in den ersten beiden Dritteln auch ohne Patriotismus aus. Die Handlung konzentriert sich ganz auf die menschlichen Schicksale.

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