Von Fluch und Segen des Kurzfilms – Durchschaut

Durchschaut Kritik Info

Für diese Filmkritik wurde mir – ähnlich wie bei Kinostarts auch – vorab eine Sichtung gewährt. Auch wenn Regisseur Frederik Maarsen und ich gute Bekannte sind, ist es eine Selbstverständlichkeit, dass dies keinen Einfluss auf die Bewertung des Films hat.

Regisseur Frederik Maarsen (Auf der Flucht, 2016) ist es gelungen, für seinen zweiten Kurzfilm niemand geringeres als Anatole Taubman (Die Päpstin, 2009; James Bond 007: Ein Quantum Trost, 2008) zu verpflichten. Dass ihm das gelungen ist, dürfte vor allem am Drehbuch liegen, denn Durchschaut ist ein Paradebeispiel dafür, was Fluch und Segen des Kurzfilms sind.

Von einer vergangenen Zukunft

Seit Jahren ist Albert (Anatole Taubman) arbeitslos. Sein Alltag ist trotzdessen gut strukturiert. Er spielt Schach gegen seinen Roboter, isst regelmäßig bei Trauerfeiern fremder Leute und beobachtet abends seine Traumfrau Lucie (Caroline Imhof). Als er allerdings bei einem seiner Leichenschmäuse auffliegt, muss er hinter schwedische Gardinen. Der Alltag ist dahin, Lucie schein unerreichbar…

Eine Welt, die Interesse weckt

Der Kurzfilm ist eine ganz spezielle Form der Kunstform Film. Nicht nur ist er in seiner Laufzeit deutlich eingeschränkter, er kann ganz andere Absichten und Ziele verfolgen als der große Bruder Spielfilm. Während ein Spielfilm in voller Länge normalerweise eine Geschichte von Anfang bis Ende erzählt, sieht es beim Kurzfilm anders aus. Hier kann der Zuschauer oder die Zuschauerin einfach in ein Szenario geschmissen werden. Es muss keinen klaren Anfang und klaren Abschluss geben, vielmehr kann der Kurzfilm eine Momentaufnahme sein. Man begleitet einige Figuren eine Zeit lang und entlässt sie dann wieder ihres Weges.

Genau das tut Frederik Maarsen mit seinem neuen Werk auch. Wir erhalten hier einen kleinen Einblick in das Leben Alberts. Dass er zuvor seinen Job als Fabrikarbeiter verloren hat und unterbewusst sich von der wachsenden Konkurrenz durch intelligente Roboter bedroht fühlt, spielt da erst einmal nur nebenbei eine Rolle. Umso wichtiger ist es, diesen kurzen Einblick besonders interessant zu gestalten. Das gelingt ihm vor allem durch die Welt, die er schafft. Das Setting des Kurzfilms ist erst einmal eine Science-Fiction Welt, in der es überall künstliche Roboter gibt, die dem Menschen helfen oder oftmals verdrängen. Doch die Szenerie wirkt nicht dystopisch, sondern eher nostalgisch. Maarsen mischt Aspekte des Sci-Fi mit der Optik der 40er und 50er Jahre. So trägt Albert die typische Arbeiterkleidung der damaligen Zeit, spielt aber Schach gegen seinen Roboter, während nebenbei auf einem Röhrenfernseher die Nachrichten laufen. Man wird sich ein wenig an den Stil des Steampunks erinnert fühlen.

Diese skurrile Kombination zweier eigentlich gegensätzlicher Welten und Zeiten ist ausgesprochen interessant. Da ist es eigentlich schade, dass dem Regisseur nicht genug Zeit bleibt, noch mehr Aspekte dieses Settings zu präsentieren.

Bewusste Albernheit als Stilmittel

Die Geschichte ist so skurril wie kreativ. Ein Arbeitsloser liest Zeitung, um so herauszufinden, bei welcher Trauerfeier er an diesem Tag kostenlos essen kann. Dass diese Frechheit dort kaum jemanden stört, er sich als Mann der Witwe ausgeben kann und diese Masche nie aufzufliegen scheint, ist so überdreht, dass es eine Freude ist, mit welcher Selbstverständlichkeit Anatole Taubman seiner Figur Leben einhaucht. Neben seiner Darstellung fällt Caroline Imhof ein wenig ab, auch wenn sie die Lucie sympathisch darstellt.

Diese Groteske zieht sich aber nicht nur durch die Dialoge und die Darstellung der Figuren, sondern auch durch die Inszenierung. Die Kulissen, die Lichtsetzung, die Kameraführung – sie alle erinnern immer wieder an die Inszenierung im Theater. Hinzu kommt, dass ein romantisierter, symmetrischer und kulissenhafter Stil an die Arbeit von Wes Anderson denken lässt. Diese künstlerische Optik ist zwar nicht neu, passt aber in den Tonus des Kurzfilms hervorragend hinein.

Durchschaut Poster

Die Gefahr des Kurzfilms

Je länger das Werk läuft, desto mehr zeigt es allerdings auch die Gefahr und das Risko auf, welches Kurzfilme zwangsweise eingehen müssen. Da die Laufzeit begrenzt ist, müssen die Aktionen der Figuren relativ schnell stattfinden. Es bleibt demzufolge wenig Zeit, die Figuren zu charakterisieren und zu motivieren. Das kann zur Folge haben, dass dramatische Aspekte der Figuren dem Zuschauer aufgrund fehlender Bindung nicht so dramatisch erscheinen, wie es der Fall sein sollte. Mit diesem Risiko kämpft auch Frederik Maarsen im letzten Drittel. Während im ersten Akt die interessante Welt präsentiert wird, wird im zweiten die Haupthandlung angestoßen. Im letzten Akt folgen nun die Konsequenzen, doch da wir Lucie und Albert noch nicht lange folgen, fällt es schwer, dem romantischen Teil des Kurzfilms uneingeschränkt beizuwohnen – oder besser gesagt: mitzufühlen.

Die Story flacht vielleicht auch ein wenig ab, weil die Varianz der Optik und der Handlungsorte nicht riesig ist. Hier merkt man dann doch, dass gerade Kurzfilme ein sehr knapp bemessenes Budget haben. Das sorgt leider dann auch für den schwächsten Moment des Streifens. Bei einer Traumsequenz und ungewohnten Animation eines Roboters muss durch den schnellen Schnitt versteckt werden, dass hier die Mittel anscheinend fehlten. Dass dieser Moment kaum Einfluss auf die Handlung hat und dieser Kritikpunkt auch ausgesprochen kleinlich ist, ist mir aber auch klar.

Fazit

Durchschaut kann sich sehen lassen. Frederik Maarsen schafft es, durch eine besondere Optik, einen tollen Hauptdarsteller und der cleveren Kombination verschiedener Genre eine Welt zu schaffen, von der man eigentlich noch einiges mehr sehen will. Die Handlung und Dialoge strotzen vor Albernheit, Skurrilität und Groteske. Das ist speziell, funktioniert aber wunderbar. Dem Film geht am Ende ein wenig die Puste aus und hat die klassischen Schwächen in der Figurenbindung. Schlussendlich schafft Durchschaut trotz seines knapp bemessenen Budgets, wofür Kurzfilme gemacht werden. Er ist das Mittel zur kreativen Entfaltung ambitionierter Regisseure.

Der Kurzfilm von Frederik Maarsen erhält von mir 3,5 von 5 Sterne.

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