Wie Dramedy funktioniert – Green Book – Eine besondere Freundschaft

Green Book - Eine besondere Freundschaft Kritik InfoAb dieser Woche läuft ein Film im Kino, über den bereits im Vorfeld viel diskutiert wurde. Neben früheren Entblößungen des Regisseurs, Oscarnominierungen und dem Ausspruch des N-Wortes ging dabei fast unter, dass Peter Farrellys Werk ein Paradebeispiel dafür ist, wie Dramedy funktionieren kann.

Schwarz-Weiß-Denken

Im Jahr 1962 verdient sich der Italo-Amerikaner Tony Lip (Viggo Mortensen) mit verschiedenen Gelegenheitsjobs seine Brötchen. So ist er auch interessiert, als ein Pianist namens Dr. Don Shirley (Mahershala Ali) einen Fahrer für seine Südstaatentournee sucht.

Zu Tonys großer Überraschung ist der Musiker allerdings schwarz. Selbst von Vorurteilen gegenüber Schwarzen geprägt, lehnt er zunächst ab, doch ein Telefonat des Pianisten mit seiner Frau Dolores (Linda Cardellini) und ein großer Haufen Geld können den einfachen Mann überzeugen.

So machen sich der einfache, impulsive Tony und der versnobte und unnahbare Don Shirley auf einen Roadtrip. Eine wochenlange Reise, die nicht nur durch den tagtäglichen Rassismus der Südstaaten, sondern auch durch die ganz eigenen verschiedenen Ansichten, der zwei Männer geprägt ist. Eine besondere Freundschaft entwickelt sich und sowohl Musiker als auch Fahrer werden erkennen, dass die eigenen Standpunkte nicht immer korrekt waren…

Drama und Komödie treffen aufeinander

Es ist schon ganz lustig. Wenn man auf der Wikipedia-Seite des Films nachschaut, steht da, dass es eine Tragikkomödie sei, bei “Rotten Tomatoes” ist das Werk als Drama klassifiziert. Gleichzeitig gewann der Film aber kürzlich den Golden Globe als beste Komödie / Musical. Was also ist Green Book – Eine besondere Freundschaft für ein Film?

Gerade hier ist das relativ schwer zu bestimmen. Natürlich können Filme in mehrere Genres eingeteilt werden und auch verschwimmen die Grenzen von Genres sehr stark, doch dass ein Film so verschiedene Aspekte in sich vereint, ist ungewöhnlich. Gerade weil Drama und Tragödie zur Komödie vermeintlich im Gegensatz stehen, ist es eine Besonderheit.

Genau das ist aber der große Geniestreich des Streifens: die Kombination der Emotionen. Was in anderen Filmen oftmals fehlschlägt, gelingt hier ausgezeichnet: der Wechsel von traurigen, dramatischen Momenten und lustigen, komödiantischen. Die große Kunst dabei ist, die lustigen Momente nicht zu ernst wirken zu lassen und die dramatischen nicht durch den Witz zu negieren.

Regisseur Peter Farrelly, der auch am Drehbuch mitschrieb, gelingt das hervorragend. Er verfasste zuvor (gemeinsam mit seinem Bruder) auch bereits die Drehbücher zu Dumm und Dümmer (1994), Verrückt nach Mary (1998) und weiteren Komödien. Dass ein Film, der so deutlich die hässliche Seite des Rassismus aufzeigt, auch gleichzeitig so leichte Unterhaltung sein kann, hätte ich zuvor nicht gedacht.

Der Reiz der Gegensätze

Dabei ist das Grundprinzip von Green Book nichts Neues – im Gegenteil. Der Reiz der Gegensätze war schon immer wichtig für Komödien. Gute Beispiele dafür sind Ziemlich beste Freunde (2011) oder auch Tanz ins Leben (2018). Doch die Vielzahl der Gegensätze zwischen Tony Lip, mit richtigem Namen Frank Anthony Vallelonga, und Dr. Don Shirley ist wirklich beeindruckend. Angefangen mit dem (leider) wichtigen Unterschied der Hautfarbe, unterscheiden sich die beiden auch ganz essenziell in ihrer Art und Weise zu leben.

Tony Lip ist ein einfacher, salopper, lebensfroher Mann, mit einer glücklichen Familie, der Musiker hingegen ist ein pikfeiner,versnobter, kultivierter, aber einsamer  Einzelgänger. Diese Kombination führt neben Vorurteilen gegenüber dem anderen auch immer wieder zu Missverständnissen, Zwist und skurrilen Situationen. Hinzu kommen vor dem historischen Hintergrund ungewöhnliche Bilder. Da fährt im Amerika der 60er Jahre nicht der einfache schwarze Angestellte, den reichen Weißen umher, sondern genau umgekehrt. Genau das macht die Szenerie so erfrischend.

Neben der geografischen Reise der beiden, nähern sie sich eben auch auf persönlicher Ebene an. Damit dass aber gelingen kann, müssen Vorurteile und die persönlichen Eigenheiten aber zurückgelassen werden und Verständnis für die Situation des Gegenüber aufgebracht werden.

Das Problem mit Rassismus

Zugegeben, die Unterschrift sollte eigentlich heißen “Das Problem: Rassismus”. Es soll im nachfolgenden allerdings  nicht um den Rassismus im Allgemeinen gehen, sondern um dessen Darstellung im Film. Denn ähnlich wie andere gesellschaftlich relevante Themen und Probleme, steht auch diese Thematik in Filmen vor einem Risiko.

Green Book - Eine besondere Freundschaft PlakatDie von Vorurteilen geleitete Unterscheidung anhand der Hautfarbe ist scheiße, keine Frage. Jeder vernünftige Mensch weiß das. Ich bezweifle auch stark, dass überzeugte Rassisten diesen Film schauen werden. Fakt ist, der Zuschauer im Kino weiß, dass Rassismus falsch ist, er muss nicht mehr überzeugt werden.

Häufig tappen Drehbuchautoren und Regisseure in die Falle, solche Probleme so plakativ und plump aufzuzeigen, dass es belehrend wirkt. Es wirkt, als müsste das Werk den Rezipienten davon überzeugen, dass Rassismus scheiße ist. Das ist aber redundant. Viel wichtiger ist, zu zeigen, wo Rassismus stattfindet und wie er sich äußert. Dafür bedarf es aber einer feinen, subtilen Darstellung von Rassismus durch Dialoge.

Natürlich muss man schlucken, wenn dem schwarzen Musiker ein Tisch im Restaurant der Leute verwehrt wird, für die er kurz zuvor noch gespielt hat. Die stärksten Szenen sind aber die ruhigen, schon fast unauffälligen Szenen zwischen Shirley und Lip. Beispielsweise wenn Tony Lip darüber verwundert ist, dass der Doktor Aretha Franklin nicht kennt, schließlich wäre sie “eine von seinen Leuten”. Eben solche Situationen zeigen, wie tief verankert der Rassismus in den Köpfen gesteckt hat (und auch heute wohl oft noch steckt). Es sind diese Szenen, die den Streifen zu einem Drama machen.

Gezeigter Humor vs erzählter Humor

Was den Film aber gleichzeitig zur Komödie macht, ist logischerweise der Humor. Aber auch dieser ist spezieller Natur. Während in den meisten Komödien oftmals Humor erzählt wird, wird er hier gezeigt.

Da wird nicht erklärt, dass der auf Manieren bedachte Don Shirley,Tony erklärt, dass er nicht einfach den leeren Becher aus dem Autofenster schmeißen kann. Hier folgt auf den Wurf des Bechers eine Fokusverlagerung auf das entsetzte Gesicht des Musikers und dann ein Umschnitt auf das Auto, welches anhält und zum auf der Straße liegenden Becher zurückfährt, während Tony vor sich hin flucht.

In dieser Szene wird nicht erklärt, dass Don Shirley seinem Fahrer eine Ansage gemacht hat, dass dieser den Becher wieder einzusammeln hat. Es wird gezeigt. Genau diese Artan gezeigtem Humor wirkt für den Zuschauer unvorhersehbarer und damit einfach lustiger.

Oscarreife Darstellungen

Green Book – Eine besondere Freundschaft ist ein Roadmovie und damit zu weiten Strecken auch ein Kammerspiel zwischen den beiden im Auto. Gerade bei Kammerspielen und Dramen kommt es auf die Schauspieler an. Wenn die überzeugen können, ist das schon die halbe Miete. Bei Farrellys Film brillieren beide Darsteller. Mahershala Ali (MoonlightHouse Of Cards) konnte bereits einen Golden Globe als bester Nebendarsteller einheimsen und ist jetzt auch als bester Nebendarsteller für den Oscar nominiert.

Sein Gegenpart ist Viggo Mortensen (Herr der Ringe, Captain Fantastic – Einmal Wildnis und zurück). Er setzt mit seinem italienischen Akzent und seiner Spielfreude nochmal einen oben drauf. Vollkommen zurecht darf er sich Hoffnungen auf einen Goldjungen als bester Hauptdarsteller machen. Auch wenn ich die deutsche Synchronarbeit schätze, bezweifel ich nach dem deutschen Trailer jedoch, dass die deutsche Vertonung den kompletten Witz des englischen Originaltons rüberbringen kann.

Auch wenn ihre Rolle sehr klein ist, sei auch noch das gute Schauspiel von Linda Cardellini als Tony Lips Ehefrau erwähnt.

Fazit

Green Book – Eine besondere Freundschaft ist eine Komödie mit dramatischen Aspekten, wie es sie lange nicht mehr gab. Der Reiz der Gegensätze trumpft mit herausragenden Schauspielern auf, verliert trotz bittersüßem Humor aber niemals die Ernsthaftigkeit vor dem Thema des Rassismus. Auch wenn es im finalen Akt ein wenig zu kitschig wirkt, schaut man darüber gerne hinweg, denn Peter Farrelly zeigt nicht nur, wie Dramedy zu inszenieren ist, sondern lässt uns Teil von zwei Stunden Gute-Laune-Kino werden. Da spielt es für den Eindruck dieses eigenständigen Werkes auch keine Rolle, wie viel von der Geschichte schlussendlich wahr ist oder nicht…

Der Film bekommt von mir 4,5 von 5 Sterne.

KR

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