Einfachstes Konzept, überraschend gut umgesetzt – I Feel Pretty

I Feel Pretty Kritik Infobox

Was wäre, wenn es nicht mehr auf das Aussehen ankommen würde? Amy Schumer in einer sympathischen Komödie, die mit einfachem Grundkonzept eine gute Nachricht vermittelt und damit vieles richtig macht– ausgenommen im letzte Viertel…

Durch Unfall zum Selbstbewusstsein

Renee (Amy Schumer) ist unzufrieden. Unzufrieden mit ihrem Job und vor allem mit ihrem Körper. In der Bar wird ihr keine Beachtung geschenkt, sie versauert in einem Kellerbüro und auf ihr Datingprofil geht auch keiner. Wie gerne sähe sie so toll aus, wie die anderen Teilnehmerinnen in ihren Cycling-Kurs. So vieles würde ihr nicht entgehen, wenn sie nur mal schöner wäre.

Als sie beim Training vom Rad kracht, ihr Kopf auf dem Boden aufschlägt und sich ihr Haar unsanft in dem Trainingsgerät verfängt, ändert sich für die junge Frau alles. Äußerlich unverändert empfindet die Blondine sich plötzlich als perfekte Schönheit. Davon überzeugt, dass auch die anderen sie nach diesem „Wandel“ kaum wiedererkennen müssten, startet die zuvor noch unsichere Renee nun vor Selbstbewusstsein strotzend, die Dinge alleine in die Hand zu nehmen.

Von außen oft belächelt, verbessert sich ihr Leben innerhalb kurzer zeit beruflich und privat, doch eine frage bleibt. Was passiert, wenn sich Renees Illusion verflüchtigt?

Erfundene Grundidee

Der Film macht es sich leicht. Er nimmt sich ein Konzept, was ohne große Logik auskommt und so den Grundstein für viele Komödien setzt. Figur ist das eine, Figur hat Unfall/Erleuchtung/Vorfall, Figur hat plötzlich Fähigkeiten/Schwächen/etc. Beispiele gefällig? Bruce Allmächtig, 17 Again: Back To Highschool, Die Zahnfee, Plötzlich Prinzessin, und so weiter. Dass es höchst unwahrscheinlich ist, dass sich eine Person in der Selbstanschauung plötzlich um 180° dreht, ist klar. Doch ist ein solcher Zufall ist ein gern gesehenes Mittel in Komödien. Denn Ausgangslagen für interessante Situationen lassen sich so einfach als gegeben darstellen, ohne sich groß mit Wahrscheinlichkeit und Logik herumschlagen zu müssen.

So macht es auch I Feel Pretty. Doch stört das nur wenig, denn genau auf diese Weise wird ein Vergleich aufgezeigt. Dieser ist auch gleichzeitig die Message des Films. Dieselbe Person kann bei gleichem Aussehen unsicher, schüchtern aber auch selbstsicher und extrovertiert sein. Diesen Bruch aufzuzeigen ist ebenso relativ leicht. Der Film startet mit einer Collage, die innerhalb weniger Minuten zeigt, was für Nachteile die „dickere“ Renee wegen ihres Gewichts erlebt. Die nachfolgenden Situationen, in denen Renee etwas macht/sagt/erlebt, was im vermeintlichen Gegensatz zu ihrem Aussehen steht, macht den Film danach unterhaltsam und automatisch lustig.

Nachvollziehbar und dadurch sympathisch

Das Werk der Regisseure Abby Kohn und Marc Silverstein lebt vom Realismus der Figuren. Man kann nachvollziehen, dass Renee gefrustet ist und sauer wird, wenn ein Modell über ihre Selbstzweifel spricht. Man kann nachvollziehen, dass erstmal komisch geschaut wird, wenn eine kräftigere Frau bei einem Bikinikontest mitmacht und es für selbstverständlich hält, dass die Männer dahinschmelzen werden. Und man wird nachvollziehen können, dass man sich trotz dessen, was man hat, mit anderen Vergleicht – auch, wenn das zum eigenen Nachteil ist.

Der 97 Minuten lange Film spielt mit Klischees, bedient sie dabei aber höchst selten. Dies hatte beispielsweise Wonder Woman als Vertreter der Comicverfilmungen ebenso gut gemacht. Die Figuren werden in lustige Situationen gesteckt, ohne sich ernsthaft über Renee und ihr Gewicht lustig zu machen. Das macht den Film und die Protagonistin gerade in Akt 2 und 3 sehr sympathisch.

Besonders hervorzuheben ist zudem Michelle Williams als Nebendarstellerin. Als zuerst unnahbare mit Piepsstimme sprechende Chefin Avery LeClaire, die trotz ihrer beruflichen Erfolge so unsicher ist, bringt einige der besten Momente des Films mit sich.

Vorhersehbarkeit und Hollywoodende

Eine Komödie lebt von den Momenten und nicht von den extremen Plotttwists. Das ist bekannt und hat zur Folge, dass auch I Feel Pretty von Anfang an vorhersehbar ist. Das ist schade, aber natürlich auch klar, wenn bekannten Erzählmustern gefolgt wird. Dementsprechend ist es fast ebenso absehbar, dass wir mal wieder ein Hollywoodende haben. Etwas zynisch von mir als solches betitelt, beschreibt es damit zwei Aspekte.

Zum einen haben wir natürlich ein Happy-End. Dies soll gar nicht negativ sein. Diese Komödie ohne Happy-End würde komisch wirken. Was die zeitweilige Feinfühligkeit der Thematik (gerade der ersten Hälfte) negiert, ist eine Angewohnheit der Traumfabrik. Die Nachricht, die der Film übermitteln will, ist zwar schon seit einer Stunde bekannt, aber sie muss dem Zuschauer nochmal überdeutlich ins Gesicht gehalten oder (noch schlimmer) in einem Monolog (häufig im Off-Text) erzählt werden.

Genau das macht diese Komödie leider auch und kann zudem nicht alle vorherigen Konflikte schließen. Natürlich verändert sich mit dem „neuen guten Aussehen“ auch die Persönlichkeit Renees. Eigentlich ein kleiner, feiner Seitenhieb, dass aus Selbstbewusstsein Arroganz werden kann, geht da am Ende unter und wäre somit auch nicht nötig gewesen.

Fazit

I Feel Pretty hat mich positiv überrascht. Die Story ist zwar einfach und absehbar, aber durch Alltagssituationen, die nachvollziehbar sind und in denen sich der ein oder andere vielleicht wiedererkennt, trumpft der Streifen mit einer großen Portion an Sympathie und Kurzweile. Einzig das Ende folgt den klischeehaften Zügen Hollywoods, kann aber nicht verhindern, dass I Feel Pretty eine unterhaltsame Komödie mit guter Message ist.

Der Film bekommt von mir 3,5 von 5 Sternen.

KR

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