Ein Lehrstück, wenn man sich darauf einlässt – Isle Of Dogs: Ataris Reise

Isle Of Dogs Kritik Info

Isle Of Dogs: Ataris Reise ist ein relativ ungewöhnlicher Film. Trotz oder gerade wegen der speziellen Machart – einer Mischung aus Animation und Stop-Motion – entwickelt der Streifen einen ganz eigenen Reiz. Warum Wes Andersons (Grand Budapest Hotel) neuestes Werk allerdings nichts für die Kleinsten ist und warum der Film ein Lehrstück für alle Filmemacher sein kann: jetzt.

Am Beispiel von Tieren

Das Japan der nahen Zukunft ist gezeichnet von einer Hundekrise. Immer mehr Hunde werden deshalb von der Katzen liebenden Regierungspartei auf eine abgelegene, schwimmende Müllkippe deportiert – genannt Trash Island. Die Bevölkerung applaudiert dem Unterfangen, immerhin ist die “Anti-Hunde-Massenhysterie” tägliches Thema.

Auf dieser Insel der Hunde (= Isle Of Dogs) entdeckt ein Rudel aus unterschiedlichsten Hunden mit den unterschiedlichsten Charaktern bald etwas Außergewöhnliches. Dieses Rudel aus Verbannten und Straßenkötern sieht wie ein kleines motorisiertes Flugzeug auf der Insel abstürzt. Zur Verwunderung der Vierbeiner ist einziger Passagier Atari, der 12-jährige Sohn des korrupten Bürgermeisters Kobayashi.

Dieser sucht seinen ehemaligen besten Freund und Wachhund Spots. Gemeinsam machen sich der Junge und das Rudel auf, um den Hund auf der Insel zu finden. Ohne miteinander kommunizieren zu können, wird es bald mehr als eine Zweckgemeinschaft.

Lass dich darauf ein!

Ich muss ehrlich sein. Als ich den Trailer und die Rahmenhandlung von Isle of Dogs: Ataris Reise zum ersten Mal gesehen und gelesen habe, war ich mehr als skeptisch. Hunde werden deportiert, so ungewöhnliche Bilder, so spezielle Dialoge, das könne kaum gut gehen. Doch so banal die Geschichte im ersten Moment wirken mag, so falsch stellt sich diese Vermutung nach nur wenigen Minuten im Kino heraus. Denn auch wenn von Hunden, Katzen und der japanischen Großstadt Megasaki gesprochen wird, erkennt man das Muster wieder.

Denn durch dieses vermeintlich einfache Grundmuster werden Themen, wie Genozid, Propaganda, aber auch Kommunikation, Freundschaft und Intoleranz angesprochen. Nicht zuletzt wegen des klugen Einsatzes von Sprache. Wenn die Hunde untereinander sprechen, dann verstehen diese sich und der Zuschauer die Hunde. Da Atari aber japanisch spricht, ist er für die Hunde und Zuschauer unverständlich. Auch kann er die Hunde nicht verstehen. Hinzu kommen Austauschschüler, die verstanden werden und japanisches Fernsehen, was zumeist gedolmetscht wird. Klingt erst einmal kompliziert, ist aber ungeheuer clever.

Nichts erleichtert die Identifikation mit Figuren und Geschichten so sehr wie die Verständlichkeit. Klare Sache: der Zuschauer versteht die Hunde, aber kaum die Menschen. Vielmehr muss Zuschauer genauso wie Hund anhand der Körpersprache Ataris bemerken, was dieser will. So steht meines Erachtens auch nicht der junge Atari im Zentrum, sondern das Rudel rund um Rex, King, Boss, Duke und Chief.

Symbolik und Lehrstück

Plakat Isle of Dogs: Ataris ReiseDie Rollenverteilung und das Thema sind dem Zuschauer relativ schnell bekannt. Das hat zum Vorteil, dass dieser auch auf anderes achten kann – bzw. unterbewusst wahrnimmt. In diesem Fall sind das ganz besonders zwei Aspekte. Zum einen die Kameraarbeit. Schwer zu erklären, aber dieser Mix aus Animation und Stop-Motion-Technik lässt die Bilder an den Aufbau von Theaterbühnen oder Aufklappbücher für Kinder erinnern. Wahrscheinlich gerade deshalb fällt der Kontrast zu anderen Perspektiven ganz besonders auf. So wird mit dieser noch mehr gespielt, als in “normalen” Filmen.

Beispiel gefällig? Verletzlichkeit soll gezeigt werden, man (der Zuschauer durch die Kamera) schaut von oben auf den Verletzten herab. Stärke und Bedrohlichkeit sollen gezeigt werden? Die Kamera ist untersichtig und das Bild verdunkelt sich.

Der zweite Punkt ist die hervorragende Musik von Alexandre Desplat. Allem vorweg die dröhnenden Trommeln, aber auch leisen Töne prägen diesen Kinofilm und werden auch als Unterstützung benutzt, ohne aufdringlich zu wirken. Bedeutet: Bedrohlichkeit = laute, tiefe Musik; Verletzlichkeit = leise, sanfte Musik.

Jemand, der sich intensiv mit Filmanalyse auseinandersetzt, hätte hier seinen Spaß. Lange habe ich keinen Film mehr gesehen, der so sehr mit der Aufteilung des Bildes in der Breite, aber vor allem in der Tiefe arbeitet, um den emotionalen oder auch physischen Abstand von Figuren zueinander zu zeigen. Tatsächlich würde es mich nicht wundern, wenn an Filmhochschulen Wes Andersons zweiter Stop-Motion Film als Lehrstück für Symbolik und Bildkomposition genommen würde.

Bekannte Stimmen im Genremix

Ich will der deutschen Synchronisation das Können in keiner Weise absprechen, was aber auffällt, ist die Fülle an bekannten Stimmen. Stars wie Greta Gerwig, Bryan Cranston, Edward Norton, Yoko Ono, Bill Murray, Frances McDormand, Liev Schreiber, Scarlett Johansson, Tilda Swinton, Jeff Goldblum und viele weitere haben ihre Stimmen an Mensch und Hund verliehen.

Es tut mir leid (eigentlich nicht), aber ich muss nochmal zurück zu Symbolen kommen. Der Eröffnungsfilm der Internationalen Filmfestspiele Berlin 2018 vereint nämlich nicht nur viele Stimmen, sondern auch Elemente vieler Genres. Kindheitsabenteuer, japanische Filme, Westernelemente, Elemente einer schwarzen Komödie und ein Schnitt, der die Handlung zeitweise in wenigen Sekunden erzählt, ohne etwas zu sagen, findet sich alles in diesem kleinen, feinen Werk wieder.

Es ist also kein Wunder, dass der Streifen den Silbernen Bären für die Beste Regie bei der Berlinale gewann. Betont werden muss aber, dass trotz Elementen des Kindheitsabenteuers es aber kein Film für kleine Kinder ist. Dafür ist die Handlung und die aufgeführten Probleme und Themen hinter der Handlung einfach zu schwierig…

Fazit

Wes Anderson hat mit Isle Of Dogs: Ataris Reise einen faszinierenden Film geschaffen, der tiefe Themen auf einer fast schon metaphorischen Ebene behandelt. Mit dem Einsatz von toller Musik, einer starken Kameraarbeit, bekannter Stimmen und der Symbolik von Sprache, Farbe, Formen und Bildkomposition ist das Stop-Motion-Animationswerk nicht nur ein Lehrstück für den Inhalt, sondern besonders für die Machart von Filmen – wenn man sich auf diese besondere Art von Film einlässt.

Isle Of Dogs: Ataris Reise bekommt von mir 4,5 von 5 Sternen.

KR

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