Wie Nazis vorgeführt werden – Jojo Rabbit

Jojo Rabbit Kritik Info

Gleich sechsfach nominiert – darunter als Bester Film – startet diese Woche mit Jojo Rabbit einer der ganz heißen Oscarfavoriten in den deutschen Kinos. Regisseur Taika Waititi (Thor: Tag der Entscheidung) geht dabei einen Weg, der im Kino sehr selten, manchmal erfolgreich, aber fast immer umstritten ist. Der Neuseeländer benutzt Humor, um sich nicht nur über Hitler, vielmehr über den Fanatismus der NS-Zeit lustig zu machen. Doch die Frage ist: “Darf” man über Judenverfolgung, die Hitlerjugend und das Verheizen von Kindern im Krieg lachen? Und steht das nicht im Widerspruch zur Relevanz und Ernsthaftigkeit dieses schweren Themas?

Mein bester Freund der Führer

Der 10-jährige Jojo Betzler (Roman Griffin Davis) hat es nicht leicht. Er ist überzeugter Nazi, brüllt sein “Heil Hitler” wann immer es geht und schwingt tüchtig den rechten Grußarm. Doch als er in einem Nazi-Ferienlager vor der Aufgabe steht, einen Hasen zu töten, um seine arische Tapferkeit unter Beweis zu stellen, bringt er das dann doch nicht nicht übers Herz. Folglich wird er von den anderen Jungfaschisten ausgelacht und mit dem würdelosen Spitznamen Jojo Hasenfuß bedacht.

Um allen trotzdem seine rechte Überzeugung zu zeigen, wirft er beim Handgranaten-Training umso beherzter den Sprengkörper von sich. Nur, dass dieser von einem Baum abprallt, vor den Füßen des Zehnjährigen explodiert und diesen schwer verletzt.

Dies hat nicht nur zur Folge dass Jojos Mutter Rosie (Scarlet Johansson) Hauptmann Klenzendorf (Sam Rockwell) physisch spüren lässt, was sie von dessen Aufsicht halt, sondern dass ab sofort mehrere Narben das Gesicht des jungen Jojo zieren. Während Rosie anscheinend nicht sieht, dass Jojo “entstellt” ist, hat er wenigstens Zuspruch von seinem imaginären Freund Adolf Hitler (Taika Waititi). Dieser überzeugt ihn davon, dass er zwar hässlich wie die Nacht sei, aber aus ihm dennoch ein Vorzeigenazi werden könne.

Noch schwieriger wird es allerdings als Jojo bemerkt, dass seine Mutter ein fünfzehnjähriges, jüdisches Mädchen unter dem Dach versteckt. Als mutiger und natürlich überlegener Arier konfrontiert Jojo den Todfeind, muss aber feststellen, dass die junge Elsa (Thomasin McKenzie) die “typischen, jüdischen Merkmale” wie Rosenkohlduft, Hörner und Schuppen komischerweise vermissen lässt. Warum sieht die Jüdin ganz normal aus? Dabei müsste sie doch der Feind sein, immerhin sagen das alle und nicht zuletzt sein bester Freund Adolf…

Jeder Witz hat ein Opfer

Gerade der Anfang von Jojo Rabbit ist bereits einen Kinobesuch wert. Nicht zuletzt, um in den ersten zehn Minuten mal auf die Reaktionen um einen herum im Zuschauerraum zu achten. Denn so schwer das Thema auch ist, so überzeichnet und fast schon albern verläuft die erste Viertelstunde des Films. Lustiges Bücherverbrennen, euphorisches Hitler-Gegrüße und “Aufklärung” über die Natur des Juden inbegriffen. Man wird vielleicht merken, dass es dem ein oder anderen Zuschauer so geht, wie es mir beim ersten Anschauen des Films erging. Ich fand es lustig, ob der Skurrilität der Szenerie, aber kann man so einfach darüber lachen? Immerhin werden da Kinder indoktriniert, Werke jüdische Schriftsteller verbrannt und Jugendliche auf den Kriegseinsatz vorbereitet.

Lange Rede, kurzer Sinn: JA!

Der Streifen kommt als Komödie beziehungsweise Satire mit dramatischem Einschlag daher. Das ist besonders speziell, weil annähernd jeder Witz, jeder Übertreibung, jede Persiflage ein Opfer hat. Dieses Opfer kann eine einzelne Person sein (Fritzchen-Witz), eine Beufsgruppe (Beamten-Witz) oder auch eine klischeebehaftete Personengruppe (Blondinen-Witz). Doch Humor muss nicht nur auf Kosten von Menschen geschehen, sondern auch auf Kosten von Gedankengut.

Genau das ist der Geniestreich, den Taika Waitit (schrieb auch das Drehbuch) hier vollbringt. In all seiner Übertreibung, Obskurität und Albernheit gibt es immer nur ein Opfer – das NS-Gedankengut. Zu keinem Zeitpunkt wird sich über die Opfer oder die schlimmen Folgen des Zweiten Weltkriegs amüsiert. Taika Waititi nutzt den Humor, um die Idiotie des Wesens des Nazitums aufzuzeigen und das Wesen und Gedankengut des Nationalsozialismus ad absurdum zu führen. Er führt die Nazis vor.

Wo Hitler draufsteht, muss nicht Hitler drin sein

Die Besonderheit an Jojo Rabbit ist aber gar nicht die Geschichte um einen kleinen Hitlerfan, sondern “Hitler” selbst. Dabei ist der eigentliche Diktator Adolf Hitler kein einziges Mal im Bild zu sehen. Taika Waititi stellt nämlich gar nicht den Massenmörder dar, sondern nur dessen Abbild, welches Jojo als imaginären Freund hat. Folglich spricht und verhält sich dieser Adolf eben auch nur, wie er es in der Vorstellung eines Zehnjährigen tut. Dies ist gleich in mehrfacher Hinsicht clever. Zum einen auf humoristischer Ebene. Es widerspricht unserer Erwartung, wenn Adolf plötzlich im Kinderbett eines Jungen liegt, sich die Decke über das Kinn zieht und seinem besten Freund Jojo mitteilt, dass er hofft, dass es nicht komisch zwischen den beiden sei. Diese Skurrilität führt allein das Gedankenkonstrukt Adolf vor. (Nicht umsonst ist die dargestellte Figur im Abspann auch nur mit Adolf betitelt).

Plakat Jojo Rabbit

Der noch wichtigere Aspekt, den der imaginäre Hitler mit sich bringt, ist ein Aspekt der Charakterentwicklung. Durch den vermehrten Kontakt mit Elsa fängt der überzeugte Klein-Nazi an, eben jenes Gedankengut zu hinterfragen. Diese Zerrissenheit des Jungen zwischen der eingetrichterten Überzeugung, ein stolzer Arier zu sein und der Erkenntnis, dass Elsa gar nicht wie ein schlechter Mensch wirke, wird immer wieder durch Streitgespräche mit Adolf dargestellt. Diese Dialoge zwischen Jojo und Adolf sind vielmehr inner Monologe des Zehnjährigen.

Dies Änderung gegenüber der adaptierten Buchvorlage dürfte auch einer der Hauptgründe für die Oscarnominierung in der Kategorie des besten adaptierten Drehbuchs sein. In dem Buch “Caging Skies” von Christine Leunens fehlte diese humoristische Tonalität noch zum Großteil.

Die Verbindung von Komödie und Drama

Während das erste Drittel der 108 Minuten fast ausschließlich der Komödie zugeteilt werden können, ändert sich das ab dem Zusammentreffen von Elsa und Jojo. Der Humor bleibt, doch er wird zuweilen subtiler und es eröffnet sich eine ganz neue, viel dramatischere Ebene des Streifens. Gerade durch die Nebencharaktere entwickelt Jojo Rabbit eine einzigartige Dynamik in der Verbindung von Drama und Komödie. Allen voran Scarlett Johansson, die für ihre Darstellung der Rosie in der Oscarkategorie der besten Nebendarstellerinen nominiert ist, sorgt dafür.

Während Rebel Wilson und Alfie Allen in ihrer überzeichneten Groteske als Faschisten diese eigentlich nur persiflieren, vermag auch Sam Rockwell als Hauptmann K immer wieder kleine, feine Momente einzustreuen.

Es sind eben jene kleinen, subtilen Aussagen und Momente, die zwischen dem ganzen Humor verteilt sind und herausstechen. Dabei stehen sich Humor und Ernsthaftigkeit nie im Wege, sie ergänzen sich. Sätze wie “Du bist kein Nazi, du bist ein zehnjähriger Junge, der gerne in lustigen Uniformen herumläuft und zu einem Verein dazugehören will.” sind neben der Unterhaltung die Sachen, die auch lange nach dem Kinobesuch noch nachhallen.

Bei allen Besonderheiten ist es da fast selbstverständlich, dass auch die Musik eine Besonderheit ist. So wie amerikanische Schauspieler deutsche Figuren spielen und dementsprechend im Originalton mit einem speziellen Dialekt ausgestattet sind, kommen auch die deutschen Lieder nicht aus Deutschland. So sind zwar die Beatles mit “I Want To Hold Your Hand” und David Bowie mit “Heroes” zu hören, aber eben in der deutschen Version “Helden” beziehungsweise “Komm, gib mir deine Hand”.

Fazit

Nach der ersten Sichtung war mir klar, der Film ist herausragend. Nach der zweiten Sichtung weiß ich, Jojo Rabbit hat das Zeug zum Meisterwerk und Klassiker. Die Kombination von Drama und Komödie lässt die Ernsthaftigkeit des NS-Themas nicht vermissen, gleichzeitig führt der Humor die Idiotie jeglichen Nazi-Gedankentums in einer Art und Weise vor, wie es das vielleicht noch nie gab. Mit tollen Schauspielern, einem starken Drehbuch, cleveren Einfällen und ganz feinen, subtilen Momenten, die auch einfach mal wortlos von der Kamera eingefangen werden, ist Jojo Rabbit wirklich atemberaubend.

Der Film bekommt von mir 5 von 5 Sterne.

KR

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