Eine Lobeshymne – Mackie Messer – Brechts Dreigroschenfilm

Mackie Messer - Brechts Dreigroschenfilm Kritik Info“Toll besetzt, experimentell und schwierig zu inszenieren.” Wenn man sich den Trailer und dessen Reaktionen zur Verfilmung von Brechts Dreigroschenoper anschaut, wird man zwiegespalten zurückgelassen. Ist es überhaupt eine Verfilmung der Groschenoper oder doch eher die des Autors Berthold Brecht und dessen Geschichte? Wird hier nicht viel durcheinander geworfen? Und ist es jetzt ein Musical oder nicht?

Antworten zu den Fragen gibt es jetzt. Doch ist das keine Kritik, vielmehr eine Lobeshymne – im wahrsten Sinne des Wortes.

Von der Bühne auf die Leinwand

Berlin 1928: Nach dem für einige überraschenden Erfolg seiner Oper “Dreigroschenoper” plant Berthold Brecht (Lars Eidinger), sein Werk nun zu verfilmen. Doch während er und Komponist Kurt Weil (Robert Stadlober) eine ganz besonders künstlerische und radikale Inszenierung planen, gefällt das der Produktionsfirma so gar nicht.

Doch der Autor will sich seine Vision der Geschichte um den berüchtigten Mackie Messer (Tobias Moretti), die naive Polly (Hannah Herzsprung), den zwielichtigen Peachum (Joachim Król) und Co. nicht nehmen lassen. Er verklagt die Produktionsfirma, um doch noch seine eigene Version der Geschichte durchzusetzen – es wird als der Dreigroschenprozess in die Geschichte eingehen.

Verfilmtes Making-Of

Eigentlich müsste sich jetzt schon die Frage erübrigt haben, ob hier wirklich die Dreigroschenoper verfilmt wurde. Was das Drama und die Beantwortung der Frage aber so besonders macht, ist der kreative Mix von Realität des Berthold Brecht und dessen Fiktion. So kommt es zu fließenden Übergängen zwischen Szenen des Films (sozusagen Film-Films) und Szenen, in denen der Autor diese plant. Das erinnert zuweilen an Sherlock (2010 – heute), in denen der kreative Kopf selbst durch Szenen seiner Vorstellung hindurch läuft. In einem Moment sieht man Brecht auf einer Brücke stehen und über seine filmische Vision zweier Monde, die über dem Fluss aufgehen, sprechen, nur, damit diese just in diesem Moment auch wirklich hinter ihm auftauchen.

Es ist also beides irgendwie. Eine Verfilmung und ein Making-Of dieser Verfilmung. Dass trotz dieses ganzen Stoffes der Film über “nur” 135 Minuten kurzweilig ist, zeugt von der Faszination für “beide” Geschichten, die Regisseur Joachim A. Lang erschafft.

Brecht spricht mit dem Kinobesucher

Als wäre das alles nicht genug, kommen erzählerische Klasse, Stilmittel und Kreativität dazu, die man in deutschen Produktionen sonst so oft vermisst. Das fängt an mit den Dialogen Brechts. Jedes einzelne Wort, was im Film aus seinem Mund kommt, sind tatsächliche Aussagen des Autors aus dessen Leben und Werk. Das lässt das Gesagte gleichzeitig künstlerisch und trotzdem passend wirken.Plakat Mackie Messer - Brechts Dreigroschenfilm

Hinzu kommt das Stilmittel der Vierten Wand, die durchbrochen wird. Was das genau bedeutet, erfährst du hier. Jene Aussagen, die der Autor einst an seine Leser richtete, richtet er nun verkörpert von Lars Eidinger direkt an die Kinobesucher. Das mag den ein oder anderen irritieren, doch steht es nicht sinnbildlich für Brecht, unkonventionell zu sein?

Ein weiterer Punkt, der den Ottonormalbesucher irritieren könnte, ist der Gesang. Ist dieser Film zwar nicht als Musical kategorisiert, wird hier ein geschätztes Viertel der Laufzeit trotzdem gesungen. Hintergrund ist ein vielleicht etwas kleinlicher. Mackie Messer – Brechts Dreigroschenfilm ist die Geschichte Brechts, wie er sich die Verfilmung vorstellt und nicht die Verfilmung an sich. Dass das den tollen Gesangseinlagen von u.a. Max Raabe und ganz eigenen, hervorragenden Choreografien keinen Abbruch tut, ist Fakt.

Ensemblefilm und Lobeshymne

Als hätte der Film nicht schon genug zu bieten, vereint sich in ihm ein Cast der deutschen Spitzenklasse. Lars Eidinger als gewitzter, eloquenter Brecht vorneweg, stechen besonders Tobias Moretti als Macheath, und Joachim Król als Peachum heraus. Lediglich der eigentlich starke Robert Stadlober geht zu Unrecht neben Eidinger etwas unter. Das kann jedoch nichts daran ändern, dass man hier ein Feuerwerk an Kreativität, Prunk, Extravaganz, lauten und trotzdem tiefen Tönen in einem Ensemblefilm serviert bekommt.

Jeder Moment wirkt wie abgesprochen mit Berthold Brecht, ist faszinierend, (positiv) ausufernd und durchweg toll vertont. Ein Streifen in dessen Zentrum nicht nur ein Künstler, sondern dessen künstlerische Visionen für seine Gegenwart und zukünftige Generationen steht.

Fazit

Mackie Messer – Brechts Dreigroschenfilm ist ein Film, von denen es nur ganz wenige gibt. Ein grandioses Ensemble, kreative Autoren und ein Regisseur, der sich endlich mal traut, mit Bekanntem zu brechen, sorgen für die (bis hierhin) größte Kinoüberraschung des Jahres. Ein Film, der faszinierend, kritisch, lustig, nachdenklich, künstlerisch, dramatisch und eigensinnig ist – Brecht hätte es geliebt.

Der Film bekommt von mir 4,5 von 5 Sterne.

KR

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