Was lange währt? – Mulan

Info Mulan Kritik

Es gibt Filme, die haben bereits eine Odyssee hinter sich, bevor sie überhaupt über die Leinwand flackern. Bei Disneys Live-Action-Remake des Klassikers Mulan (Regie: Tony Bancroft, Barry Cook; 1998) ist das ganz ähnlich. Nur, dass dieser Film vielleicht nie auf der Leinwand zu sehen sein wird. Aufgrund der Corona-Pandemie verschob der Mäusekonzern lange den Kinostart ihres Blockbusters. Nun hat man sich entschieden, auf ein anderes Pferd zu setzen. Mulan erscheint nicht im Kino, sondern als kaufbarer Onlinestream auf “Disney+”. Doch sind Kunden, die eh schon monatlich für den Streamingdienst zahlen, bereit, den Film für weitere knapp 22€ zu kaufen? Vielleicht mehr als sonst stellt sich die Frage: Ist der Film sein Geld wert?

Sei ein Mann

Hua Mulan (Liu Yifei) ist nicht wie die anderen jungen Frauen in ihrem Dorf. Die älteste Tochter eines angesehenen aber in die Jahre gekommenden Soldaten (Tzi Ma) hat Temperament, rennt und klettert gerne. Doch damit bringt sie ihrer Familie leider keine Ehre. Als der chinesische Kaiser (Jet Li) ein Dekret erlässt, nach dem jeder Haushalt einen Mann für die kaiserliche Armee stellen müsse, verkleidet sich Mulan als Mann und nimmt damit heimlich den Platz ihres gebrechlichen Vaters ein.

Fortan unter dem Namen Hua Hun sieht sie sich der Herausforderung gegenüber, von den anderen Soldaten wie dem Kommandant Tung (Donnie Yen) oder dem gutaussehenden Rekruten Chen Honghui (Yoson An) nicht erkannt zu werden. Das ist nicht leicht, denn der Krieg naht. Der rachsüchtige Bori Khan (Jason Scott Lee) und die mächtige Hexe Xian Lang (Gong Li) setzen alles daran, den Thron des Kaiserreichs zu besteigen und den Tod in die Reihen der Soldaten zu bringen.

Adaption statt Kopie

Schon bei den ersten Trailern im Juli 2019 wurde klar, Disney würde hier einen anderen Weg einschlagen als mit ihrer Adaption von König der Löwen, der zur gleichen Zeit erschien. Mulan würde sich nicht so genau an die Zeichentrick-Vorlage halten, sondern in neuem Gewand präsentiert werden. So fehlt in der Adaption nicht nur Mulans Freund, der kleine Drache Mushu, auch auf die Gesangselemente des alten Teils hat man komplett verzichtet. Damit dürften die Macher vielen Kritikern zuvorgekommen sein, die bei König der Löwen sehr bemängelten, dass es sich um eine 1zu1-Kopie handelte.

Regisseurin Niki Caro (Kaltes Land, 2005; Die Frau des Zoodirektors, 2017) geht einen eigenen Weg. Ihr Märchen, von der Kriegerin, die sich für ihre Familie als Mann ausgibt und in Gefahr bringt, ist ein erwachseneres, zum Teil düstereres als das Werk von 1998. Die Regisseurin setzt auf die Optik – umso entscheidender für den Erfolg oder Misserfolg des Films dürfte die Ausspielung über den Streamingdienst sein. Da der Film jetzt nur über die heimischen Bildschirme flimmert, dürfte die größte Stärke von Mulan deutlich an Eindruck verlieren.

Denn der Film sieht hervorragend aus. Das beginnt bei dem Szenenbild und geht über die Farbgestaltung mit Mulans Farbe Rot im Mittelpunkt weiter. Gerade die Kampfchoreografien sind beeindruckend und Niki Caros Kamera fängt das Ganze in solch dynamische Bilder ein, dass es eine Freude beim Zuschauen ist. Gerade diese Optik mit den Weiten in der Landschaftsaufnahme und den Kamerafahrten im Kampf, dürfte auf Bildschirmen ein Stück weit untergehen.

Optik über Story

Wenn diese Wirkung der Optik jetzt wegfallen sollte, würden die Schwächen im Drehbuch und der Besetzung noch auffälliger werden. Man mag die Musik und Songs nicht vermissen, doch die Story selbst wirkt in ihrer Umsetzung absolut risikoarm und sehr, sehr glatt. Es scheint zu einem “Disney-Problem” zu werden (wenn es nicht schon bereits eines ist). Der Konzern wählt in ihrer Geschichte den sichersten Weg, um anschließend das Ganze mit wenigen Kniffen aufzuhübschen. Zwar ist die Einleitung des Films relativ schnell abgehandelt, weshalb die Lauflänge mit 115 Minuten sehr angenehm ist, aber den (Haupt-) Figuren wird zu wenig Platz zur Charakterisierung eingeräumt.

Poster MulanÜber Mulans Gefühle und Hintergründe wissen wir nicht mehr als es uns die kurze Einleitung verraten hat. Auch bleiben Motivation und Vorgeschichte der Antagonisten weitestgehend im Dunkeln. Gerade über diese Nebencharaktere wie die Hexe hätte ich gerne so viel mehr gewusst. Diese fehlende Figurentiefe hat zur Folge, dass richtige Gefühle nie wirklich aufkommen wollen. Die Themen wie Tradition gegen Fortschritt, Rollenbilder, Liebe, Stolz, Hoffnung, Verlustangst und Ehre werden alle nur oberflächlich angeschnitten. Schuld daran dürften auch die Dialoge sein, die teilweise sehr plakativ auf die gerade benötigten Aussagen getrimmt sind. Da passt es gut ins Bild, dass gerade die Hauptdarstellerin Liu Yifei (The Forbidden Kingdom, 2008), die aus tausenden Bewerberinnen gecastet wurde, der Größe ihrer Rolle nicht gewachsen ist. Ihr fehlt es schlicht an Ausstrahlung.

Die Zielgruppe wird erreicht

Trotz all dieser Schwächen muss aber gesagt werden, dass das Remake für seine angepeilte Zielgruppe funktionieren sollte. Mit einer FSK-12-Freigabe dürfte Mulan vor allem für Jugendliche zwischen 12 und 17 Jahren eine Freude sein. Grund ist neben der inszenierten Action die Message, die dieser Film für junge Mädchen und Frauen liefern kann. Das Aufbrechen von klassischen Geschlechterrollen, das Gehen des eigenen Weges, das gleichzeitige Wahren von Traditionen und der Drang nach Neuem, dies sind alles Botschaften, die dieser Film zu liefern weiß. Ja, sie sind zum Teil sehr plakativ und einseitig ausgespielt, aber für diese Zielgruppe dürften sie trotzdem nicht an Wert verlieren. So kann man ein Stück weit schließen, dass Mulan aus dem Jahr 2020 nun die Motive von Mulan aus dem Jahr 1998 an eine ältere Zielgruppe weitergibt. Die beiden Werke ergänzen sich, gehen ineinander über und stehen nicht in Konkurrenz zueinander.

Fazit

Disneys Mulan hat sich den Titel des Live-Action-Remakes redlich verdient. Es ist der insgesamt runde aber risikoarme Versuch, der Neuinterpretation für ein erwachseneres Publikum. Eine tolle Optik und einer hervorragende Regiearbeit täuschen über die Oberflächlichkeit der Dialoge und Story hinweg, wenngleich die Hauptdarstellerin fehlbesetzt scheint. An seinem Reiz und den Botschaften für ein (weibliches) Publikum hat die Geschichte der jungen Kriegerin aber nichts verloren.

Der Film bekommt von mir 3,5 von 5 Sterne.

KR

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