Amerikanisierung durch Idiotisierung – Netflixs Death Note

Death Note Kritik

Die nachfolgende Kritik bezieht sich immer wieder auf den japanischen Anime Death Note aus dem Jahr 2006. Auch wenn über die aktuelle Verfilmung nichts explizit verraten wird, weise ich darauf hin, dass Personenbeschreibungen der Originalserie und deren Verlauf vorweggreifen könnten.

Seit vergangenem Freitag ist das Angebot der VOD-Streaming-Plattform Netflix um einen weiteren großen Namen gewachsen. Mit Death Note realisierte man die Realverfilmung des weltweit erfolgreichen, 36 Episoden umfassenden, gleichnamigen Animes. Dieser basierte wiederum auf einem Manga.

Eben diese Serie galt bis dahin als unverfilmbar, auch wenn es der japanische Regisseur Shusuke Kaneko 2006 versuchte – in der westlichen Welt mit mäßigem Erfolg. Kein Wunder also, dass Warner Brothers als Produktionsstudio, sowie u.a. Guy Ritchie als Regisseur das Projekt fallen ließen. Schließlich gingen die Rechte an den Streamingdienst. Ziel war eine Anpassung an westliche Sehgewohnheiten, um das (inzwischen zum Phänomen gewordene) Death Note hierzulande noch populärer zu machen und – natürlich ein erfolgreiches Franchise zu starten.

Zuletzt drehte der Regisseur primär Horrorfilme

Verantwortlich für die Realisierung ist der Regisseur Adam Wingard, der zuletzt primär Horrorfilme, wie Blair Witch gedreht hatte. Soweit eigentlich keine schlechte Voraussetzung. Um das Drehbuch kümmerten sich als Hauptverantwortliche Charley und Vlas Parlapanides, die zuletzt den eher unbedeutenden „Krieg der Götter“ (Immortals) geschrieben hatten.

In der ersten amerikanischen Inszenierung der Story, dreht es sich um den jungen Highschoolschüler Light Turner, gespielt von Nat Wolff (Margos Spuren, Das Schicksal ist ein mieser Verräter). Diesem fällt eines Tages aus heiterem Himmel buchstäblich ein schwarzes Buch entgegen. In ihm stehen viele Regeln und Namen – doch die wichtigste ist Regel Nr. 1: Jeder, dessen Name in dieses Buch geschrieben wird, stirbt. Ein dunkles, bedrohliches Wesen, namens Ryuk, erscheint Light, begleitet ihn fortan und spricht zu ihm, er solle das Death Note ausprobieren.

Ungläubig testet der Schüler dies mit dem Namen des Schulschlägers. Als er zusieht, wie dieser Momente später von einer von einem Auto fallenden Leiter enthauptet wird, merkt er, dass er keinen schlechten Scherz in den Händen hält.

Er beschließt fortan unter dem Namen Kira als Gott zu fungieren, der den Tod über die Verbrecher der Welt bringt. So will er die Welt zu einer besseren machen, so, wie es die Polizei und Politik nie könnte. Ihm schließt sich die junge Mia, gespielt von Margaret Qualley (The Nice GuysThe Leftovers) an, die von dieser tödlichen Macht mindestens genauso fasziniert zu sein scheint, wie Light.Sie können dort noch nicht ahnen, dass sich bald nicht nur Lights Vater, als Polizist, sondern auch ein ganz spezieller Ermittler namens „L“ auf die Jagd nach Kira machen würde.

Eine sehr beliebte Serie zu verfilmen bringt fast immer die gleichen, zahlreichen Risiken mit sich.

Zum einen sind dort Massen an Fans des Originals, die es zumindest zufriedenzustellen gilt. Das zweite Problem ist ein hollywoodtypisches, aber auch mediengemachtes – „white washing“. Die Besetzung von „ausländischen Rollen“ mit (zumeist weißen) Amerikanern bringt immer wieder Rassismusvorwürfe und Shitstorms mit sich. Auch will eine Geschichte der westlichen Kultur angepasst werden, um sie massentauglich inszenieren und somit schlussendlich den größtmöglichen Profit erwirtschaften zu können.

Doch das allergrößte Problem ist ein anderes. Vor diesem kann sich auch die Netflix-Adaption nicht retten. Es ist der Film als „Form“ selbst. Und er geht mit einem Aspekt einher, den Hollywood schon lange innehat und der (mindestens bei mir) auf Unverständnis stößt.

Selbstüberschätzung und Ignoranz. Diese zwei prägen das Bild. Wie sonst können Produzenten, Autoren, Regisseure und Studios zu dem Schluss kommen, eine Serie, die insgesamt 36 Stunden umfasst, in einen 99 Minuten langen Film zu drücken … und damit ist noch nicht einmal die ganze Story gemeint.

Wingard hatte im Vorfeld angekündigt, man wolle etwas von der bekannten Geschichte abweichen. Doch bleibt es unbegreiflich, wie geglaubt werden kann, es würde reichen, Figuren und Charakterhintergünde innerhalb der ersten 20 Minuten einzuführen : Genau dafür hatte sich das Original mehrere Folgen Zeit genommen.

Unter dem Ziel der Amerikanisierung leidet leider fast jeder Aspekt des Films. Angefangen mit der Charakterisierung Lights. Während er in der Vorlage als immer realitätsferner und abgehobener, größenwahnsinniger werdender, hochintelligenter, junger Mann dargestellt wird, kämpft dieser hier immer wieder mit der eigenen, als korrekt betrachteten Moral. Denn ein Hollywoodstreifen, in dem der Protagonist keine gewünschten, amerikanischen Werte widerspiegelt – wo gibt es denn sowas? Den ursprünglichen Part des Größenwahnsinns übernimmt jetzt Mia. Während sie in der Vorlage (noch als Misa) eine ganz andere Funktion der Charakterbildung des Protagonisten einnahm, wird diese hier einfach übergangen.

Ignoranz oder zumindest Unverständnis

Doch die Ignoranz oder zumindest das Unverständnis für die Grundstory der Filmemacher zeigt sich viel entscheidender in einem anderen Punkt. Die komplette Neuverfilmung weiß gefühlt einfach nicht, was sie sein will. Vielleicht liegt das auch an den drei verschiedenen Autoren des Werkes. Dass eine amerikanische Realisierung eine andere Richtung einschlagen würde, war klar. Doch darunter das zu vergessen, was das Anime so erfolgreich machte, das ist fahrlässig:

Die Spannung. Damit ist nicht nur die Spannung, die die Serie allgemein erzeugt, gemeint, sondern insbesondere die Spannungen zwischen dem hochintelligenten, vorausplanenden und taktierenden Light und L. Von der Augenhöhe, auf der sie sich befanden und beäugten, ohne sich in die Karten schauen zu lassen, bis hin zu Lights Nutzen und Abwägen der Regeln des schwarzen Buches, um sich vor den Ermittlern zu verstecken. All diese Punkte behielten den Zuschauer vor den Bildschirmen und machten die Serie zu einem hochspannenden Mystery-Thriller. Im Film ist davon nichts zu finden.

Auch wenn das Genre offiziell „Mystery-Thriller“ lautet, ist davon wenig zu sehen. Da wechseln sich Elemente des Thrillers, mit denen des Horrorfilms ab, durchbrochen von versucht lustigen Momenten, bis sich am Ende fast eine Art Liebestragödie entwickelt.

Dies ist eben auch an dem Stil, den Bildern und der Musik zu erkennen. Da waren am Anfang die Farben noch stilistisch grau gehalten.  Gerade in diesen Szenen ist die Erfahrung des Regisseurs im Horrorgenre zu erkennen – dies sind auch ohne Frage mit Abstand die stärksten Teile des kompletten Films. Im Nachfolgenden wird dieser Stil jedoch immer wieder durch neongefärbte, mit Technomusik unterlegte Bilder durchbrochen. Diese würden eher zu Streifen, wie Nerve, als zu Death Note passen – schon alleine thematisch.

Bis auf die absolute Grundkonstruktion und die Vornamen ist nichts vom Anime übernommen, das sollte Fans des letzteren klar sein. Was mich an diesem Film aber am meisten stört, ist nicht das Abändern der Story, nicht das ignorante Abhandeln der Charakterentwicklung und nicht das Missachten dessen, was Death Note ausmacht, sondern die Inkonsequenz. Die Inkonsequenz mit der dieser Film auf die Leinwand gebracht wird.

„Ein Film, der zuweilen sehr ruhig war…“

Nicht nur springt die Inszenierung zwischen verschiedenen Stilen, auch handeln die Charaktere völlig unnachvollziehbar. Sie handeln nicht, weil ihr Charakter das fordert, sondern weil sie so handeln müssen. Zum einen um die Handlung voranzutreiben und um dem amerikanischen Stil gerecht zu werden.

Ein Film, der zuweilen sehr ruhig war, muss schlussendlich dann übertrieben enden, ein Rückblenden-Stil wird aufgegriffen, der viel zu banal wirkt und die Musik zieht auch den letzten Moment ins Lächerliche. Das wirkt schon fast wie eine Persiflage.

Schlussendlich muss gesagt sein, dass die schonungslose Art und Weise, mit der die Tode gezeigt werden und Willem Dafoe als Totengott Ryuk das ist, was diesen Film überhaupt nennenswert macht. Ansonsten ist die 2017er Neuverfilmung von Death Note ein vor allem an vorderster Front, beim Hauptcharakter fehlbesetzter, inkonsequenter, unsicherer, unstimmiger, ignoranter und am schlimmsten: Potenzial verschwendender Film, der selbst mit geringsten Erwartungen auf ganzer Linie enttäuscht. Am Ende zeigt es sich erneut, dass eine Amerikanisierung durch Ignoranz und Idiotisierung der Figuren einer vielschichtigen Vorlage nicht mehr zu bieten hat, als den altbekannten Titel.

Ich gebe Death Note wegen genanntem Willem Dafoe als Ryuk und einigen visuell zur düsteren Grundthematik passenden Bildern noch 1 von 5 Sternen und kann nur sagen: wenn ihr den Anime nicht kennt, verderbt euch eine komplette Serie und deren Thematik nicht durch eine solche Farce an Film.

KR

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