Wie funktionieren Kinderfilme? – Petterson & Findus – Findus zieht um

Pettersson & Findus - Findus zieht um Kritik Info

Mit “Petterson & Findus – Findus zieht um” inszeniert der deutsche Regisseur Ali Samadi Ahadi bereits seinen dritten Film rund um den etwas schrulligen, alten Pettersson und dessen quirligen Kater.

Es wird schnell klar, der Regisseur weiß, worauf es beim Kinderfilm ankommt, denn diese Familienkomödie ist ein Paradebeispiel dafür, wie Kinderfilme funktionieren.

“Die Kleinen werden so schnell groß.”

Seit Pettersson (Stefan Kurt) den Kater Findus (Stimme: Roxana Samadi) aufgenommen hat, ist eine Menge Zeit vergangen. Das entspannte Zusammenleben hat sich ideal eingestellt. Doch was Pettersson so beruhigt, findet Findus langweilig. Ständig das Gleiche – angeln, Pfannkuchen essen, schlafen und wieder angeln.

Der Kater beschließt, ab sofort “groß” zu sein und in dem schnell umgebauten Klohäuschen sein eigenes kleines Reich zu erschaffen. Samt eigenen Bildern, Tapeten und genug Platz zum Springen auf dem Bett, zieht der “große Findus” aus der Wohngemeinschaft  aus, um fünf Meter weiter jetzt eigenständig zu spielen, zu essen und Gäste zu empfangen.

Pettersson hingegen ist besorgt. Was ist, wenn sich der geliebte Freund noch weiter von ihm entfernt? Schließlich sagt auch seine Freundin Beda (Marianne Sägebrecht), dass sich alles verändert, sobald die Kleinen groß werden.

Und die Moral von der Geschicht…

Pettersson & Findus – Findus zieht um verbindet wie auch bereits die Vorgänger reale Aufnahmen mit dem VFX-animierten Findus. Was in dieser Form im “normalen Blockbuster” nur selten vorkommt, ist für den Kinderfilm eine Selbstverständlichkeit, denn diese haben eine ganz spezielle Herausforderung.

Im Gegensatz zu allen anderen Genres hängt die Qualität eines Kinder-Streifens (im Auge des Zuschauers) nicht von dessen persönlichen Präferenzen, sondern zu allererst von der Verständlichkeit ab. Das Alter der Zielgruppe genau einzuschätzen und dementsprechend den Film verständlich, aber nicht unterfordernd, zu gestalten, erfordert Feingefühl. Um das zu erreichen und die Jüngsten zu unterhalten, bedient sich der Kinderfilm als Genre einiger spezieller Aspekte.

An vorderster Stelle steht dort die Aussage oder das Ziel des Films – sozusagen eine “Weisheit”, die den Kindern mit auf den Weg gegeben wird. Das mag manchmal ganz leicht zu erkennen sein:

Findet Nemo (2003) – Familie ist etwas Kostbares, für das es sich zu kämpfen lohnt

Pocahontas (1995) – Sei offen gegenüber Fremden und achte deren Bräuche, sowie die Natur

Zoomania (2016) – Du musst nicht groß sein, um Großes zu schaffen / Aussehen und Vorurteile lassen nicht auf Charakter schließen

Manchmal hingegen ist das Ziel auch etwas vielschichtiger. So möchte Coco – Lebendiger als das Leben (2017) über den Tod aufklären und rückt ganz nebenbei Themen wie Familie, Kultur gegen Entwicklung und Vergebung in den Mittelpunkt.

Es ist nicht zwangsläufig gut oder schlecht, wenn die “Message” sofort erkennbar ist, sie und ihre Inszenierung ist aber mit am wichtigsten, wenn es um die Qualität eines Kinderfilms geht.

Genau diese Message ist auch die große Stärke von Ali Samadi Ahadis drittem Teil. Die Aussage hier: die eigene Weiterentwicklung und Selbstständigkeit bedeutet nicht, alle Brücken hinter sich abzubrechen. Das spricht nicht nur die kindlichen Zuschauer an. Auch die Eltern (als bereits oder zukünftig Betroffene) können sich in die Situation des alten Mannes hineinversetzen. Glaubhaft steht hier eine einfache, unproblematische Situation für das Abnabeln der eigenen Kinder. Umso schöner ist, dass Petterssons Unsicherheit und seine Angst Findus zu verlieren von Stefan Kurt glaubhaft gespielt wird.

Warum Kinder das besser Publikum sind

Poster Petersson & Findus - Findus zieht um

Doch fernab vom Verständnis unterscheiden sich Kind als Zuschauer und Erwachsener als Zuschauer in einem Punkt ganz besonders. Im Gegensatz zu den “Großen” gehen die “Kleinen” unvoreingenommen in einen Film. Wenn allein der Kinobesuch an sich schon ein Highlight ist, erfreut man sich neben Apfelsaft und Popcorn umso mehr am eigentlichen Film. Der Kinobesuch wird zum Erlebnis, die Geschichte des Films zum Erlebten.

Die erfrischende, kindliche Naivität sorgt dafür, dass ein Sechsjähriger nicht über die Logik eines filmischen Aspekts nachdenkt, sondern diesen ganz unterbewusst als ‘im Film logisch’ wahrnimmt. Deshalb stören sich Kinder weder an der fehlenden Mimik des Sandmännchens, noch sehen sie in Jim Knopf eine Marionette. Für sie ist das in diesem Moment einfach nur der beste Freund von Lukas dem Lokomotivführer.

Diese Freude und Begeisterungsfähigkeit, die die jüngsten Zuschauer mitbringen, erlauben den Machern von Kinderfilmen ganz besondere Freiheiten. Regisseur Ali Samadi Ahadis bezeichnet den deutschen Kinderfilm sogar als einzige Möglichkeit, um mutig mit verschiedenen Genres zu spielen. Mehr dazu hier im Bericht von der Premiere. Genau diese Freude an Unkonventionellen ist auch der Grund dafür, dass die beispielsweise unwirkliche, theatermäßige Kulisse kein Negativpunkt ist. Vielmehr unterstützt sie den Fokus auf die Figuren und Handlungen. Die Umgebung ist völlig egal, die Thematik der wachsenden Eigenständigkeit (bei Kindern) ist ortsunabhängig.

Von Selbstständigkeit und selbstlosem Handeln

Ein weiterer Geniestreich kommt mit den Nebenrollen. Pettersson wird sympathisch kautzig gespielt und Findus wieder einmal toll gesprochen. Die heimlichen Stars des Films sind allerdings andere Figuren. Mit Max Herbrechters Gustavsson und Marianne Sägebrechts Beda kommt eine weitere wichtige Thematik auf die Leinwand.

Zuvor sei gesagt, dass auch mich es nervt, in jeder zweiten Kritik die Geschlechterrollen in den Film hineininterpretiert zu lesen, doch in welcher subtilen und unaufgeregten Art Petterson & Findus – Findus zieht um mit dem Thema umgeht, ist bemerkenswert. Sowohl Gustavsson, dessen Frau unterwegs ist und der deshalb etwas mit dem Haushalt überfordert ist, wie auch Beda, die zwar etwas einsam wirkt, aber trotzdem uneigennützig handelt, sorgen für die feinsten Momente dieser 81 Minuten.

Verantwortung, Freundschaft, Abhängigkeit, Selbstlosigkeit, Empathie und Dankbarkeit – alle Themen spielen hier eine subtile Rolle, und spielen in die Hauptaussage des Films hinein. Genau darüber habe ich auch mit Schauspielerin Marianne Sägebrecht gesprochen – hier gehts lang.

Neben all dieser leichten, aber wichtigen emotionalen Tiefe gibt es durch kleine Slapstickmomente auch noch etwas zu lachen. Das mag manchmal (ähnlich wie die Auflösung) etwas zu forciert wirken und auch im letzten Drittel verliert der Film etwas an Tempo, doch das Familienabenteuer bildet einen schönen Abschluss der Trilogie.

Fazit

Regisseur Ali Samadi Ahadi weiß, worauf es bei Kinderfilmen ankommt. Eine klare Struktur, subtile Emotionen, eine wichtige, kindgerechte Aussage und gute Darsteller machen den Streifen zur filmischen Feinheit. Eine einfache Auflösung und etwas Slapstick wird für die Begleiter zwar weit weniger sein als für die Kinder, doch Petterson & Findus – Findus zieht um beinhaltet alles, was einen guten Kinderfilm ausmacht und somit würde ein weiterer vierter Teil dieser Trilogie mit Sicherheit nicht schaden.

Der Film bekommt von mir 4 von 5 Sterne.

KR

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