Sicario 2 und das Fehlen einer Identifikationsfigur

Sicario 2 Kritik InfoNachdem Sicario (2015) ein absoluter Erfolg war und inzwischen auch Drehbuchautor Taylor Sheridan ein fester Begriff ist, war eigentlich klar, dass der knallharte Actionthriller mit Emily Blunt und Benicio Del Toro eine Fortsetzung erhalten würde. Doch der Streifen fühlt sich mehr wie ein Spin-Off als eine Fortsetzung an. Grund dafür ist das Fehlen einer einzigen Figur…

„Auf dieser Seite der Grenze gibt es kein Glück!“

Zwei Jahre sind seit dem letzten Einsatz von Söldner Alejandro (Benicio De Toro) und FBI-Agent Matt Graver (Josh Brolin) an der mexikanischen Grenze vergangen. Der dortige Zustand ist drastisch eskaliert. Terrorgruppen schleusen unzählige Selbstmordattentäter als Flüchtlinge getarnt in die USA und die Toten durch Anschläge dort steigt.

Die Regierung setzt fortan Kartelle, die die Gegend und die Schleuser kontrollieren, auf die Liste terroristischer Vereinigungen. Genau das gibt Agent Matt die Freiheit, jedes Mittel, das ihm recht ist, zu nutzen, um die Kartelle zu zerschlagen.

Der Soldat wendet sich an den Auftragskiller Alejandro. Dieser soll die Entführung der Tochter des Kartellbosses Carlos Reyes durch ein verfeindetes Kartell inszenieren, um so einen Krieg zwischen den machtvollen Drogenimperien zu entfachen.

Ein brutales Vorhaben beginnt, bei der Alejandro eine persönliche Rechnung begleichen will…

Neuer Regisseur – neuer Ton

Spätestens nach Arrival (2016) und Blade Runner 2049 (2017) sollte der Regisseur Denis Villeneuve vielen ein Begriff sein. (Ich selbst bin vielleicht einer der größten Fans seiner Arbeit). Der Kanadier verfilmte Sicario so erfolgreich, dass nur kurze Zeit nach Veröffentlichung eine komplette Trilogie angekündigt wurde.

Doch aufgrund weiterer Projekte konnte sich der Prisoners-Regisseur nicht in den Regiestuhl setzen. An seine Stelle trat Stefano Sollima (Gomorrha), der bewiesenermaßen ein Händchen für die Realisierung und Darstellung von Kriminalität hat. Der Italiener vermag auch dem im Original betitelten Sicario: Day Of The Soldado seinen eigenen Stempel aufzudrücken. Schonungslose Brutalität, kalte Bilder und eine Trostlosigkeit in Landschaft und Farbe prägen das Bild.

Wo Teil 1 noch die Höhepunkte in einzelnen in Gewalt eskalierenden Szenen hatte, zieht sich diese jetzt wie ein blutroter Faden durch den FSK-18 Streifen. Dies begründet auch die nicht vorhandene Kinderfreigabe, hat aber zur Folge, dass selten zerreißende Spannung aufgebaut werden kann, da diese häufig schnell durch Kopfschüsse und Schusssalven aufgelöst werden.

Besonders auffällig sind die dunklen Bilder, in die ein Großteil von Sicario 2 getaucht ist. Wer diesen Film auf heimischem TV-Gerät schaut, ohne vorher den gesamten Raum verdunkelt zu haben, wird dort mehr als einmal seine Probleme haben.

Auch hier sieht man mit dem neuen Kameramann Dariusz Wolski (Fluch der Karibik, Der Marsianer – Rettet Mark Wattney) einen Abfall gegenüber dem Vorgängerteil. Hier erschuf Oscarpreisträger Roger Deakins (Blade Runner 2049, Prisoners) Bilder, die perfekt mit dem Stil des Regisseur Hand in Hand gingen.

Mit wem soll ich mitfühlen?

Das ist die Frage, die sich während der guten zwei Stunden immer wieder aufdrängt. Auch wenn Alejandro noch etwas mehr beleuchtet wird als im Vorgänger, ist er keine Sympathiefigur. Auch der die Grenzen der Gesetze ausreizende, von Josh Brolin gespielte (Wie viele Filme dreht der eigentlich?) FBI-Agent vermag nicht, die Herzen der Zuschauer an sich zu reißen. Einzig allein Isabel Moner, die die junge Tochter des Drogenbosses spielt, vermag etwas Mitgefühl zu erwecken. Dies kommt allerdings lange nicht an die Polizistin Kate Macer (Emily Blunt) heran.

Poster Sicario 2Diese Polizistin, die im Vorgängerteil völlig unvorbereitet in den Drogenkrieg an der mexikanischen grenze geworfen wurde und erkennen muss, dass dort Gesetze, recht und Vergeltung etwas anders definiert werden, war der große Gewinn im Jahr 2015. Der Zuschauer litt mit der jungen Amerikanerin, denn auch er war häufig von der Gewalt überfordert. Genau das fehlt im neuen Teil.

Schonungs- und erbarmungslos…

… dass dieser Film genau das werden würde, wird schon in den ersten Minuten klar. Zart Besaitete werden hier mindestens schlucken müssen. Die ungeschönte Grausamkeit eines Selbstmordattentats in einem Supermarkt und die Exekution eines jungen Mannes durch einen satten Kopfschuss passen aber perfekt in das triste visuelle Bild.

Auch wenn der Tonus anders ist, Sicario 2 ist gerade aus, trostlos, brutal, aber absolut stimmig, wenn es um das Thema der Kriminalität, Terrorismus etc. geht. Drehbuchautor Taylor Sheridan beweist nach Sicario, Hell Or High Water (2017) und Wind River (2018) erneut, wie dichte Spannung und die Ausbreitung krimineller Strukturen vor dem Auge des Zuschauers passieren muss – ohne aber die Unübersichtlichkeit dieses Kriegsgebiets zu vernachlässigen.

Fazit

Sicario 2 wirkt wie ein Spin-Off und nicht wie eine direkte Fortsetzung. Mit dem Fehlen von Emily Blunts junger Polizistin aus Teil 1, fehlt der Fortsetzung die zwischen schonungsloser Gewalt, dunklen Bildern und dichter, düsterer Atmosphäre gefangene Identifikationsfigur. Ein runder Thriller, der aber in jedem Aspekt (Kamera, Regie, Musik und Figurenkonstellation) hinter dem hervorragenden Vorgänger zurückfällt und somit schlussendlich eine kleine Enttäuschung ist.

Sicario 2 bekommt von mir 3 von 5 Sterne.

KR

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