Wie zerrissen kann ein Film sein? – Steig.Nicht.Aus!

Steig Nicht aus Kritik InfoRegisseur Christian Alvart adaptiert eine einfache Grundidee, besetzt die Hauptfigur mit Wotan Wilke Möhring, startet furios in den Film und scheitert noch furioser in der zweiten Filmhälfte. Warum das so ist, was Steig.Nicht.Aus! falsch macht und welche Schauspielerin eine echte Entdeckung ist – jetzt.

Der Name ist Programm

Karl Brendt (Wotan Wilke Möhring) ist ein erfolgreicher Bauunternehmer. Als er eines morgens seine Kinder zur Schule fahren will, wird er von einem Unbekannten angerufen. Dieser erzählt dem Familienvater, dass dieser samt seiner Kinder auf einer Bombe sitzt. Sobald einer aufstehen und aussteigen würde, würde das Auto in die Luft fliegen. Brendt dürfe mit keinem darüber reden und auch nicht die Polizei verständigen. Der Anrufer fordert ein hohen Lösegeld und setzt ein Ultimatum.

Ein Wettlauf gegen die Zeit beginnt und der Familienvater sieht sich bald nicht nur der Gefahr der Bombe unter sich, sondern auch dem Misstrauen seiner Frau gegenüber. Diese glaubt ihr Mann entführe die gemeinsamen Kinder und alarmiert die Polizei…

Prämisse führt zum Kammerspiel

Die Grundidee des Films ist keineswegs neu. Das Werk ist eine Neuverfilmung des spanischen Thrillers Anrufer unbekannt (El desconocido) aus dem Jahr 2015 von Regisseur Dani de la Torre. Dass eine simple Prämisse gerade im Action oder Thriller-Genre kein Problem darstellt, zeigen einige Beispiele. Speed (1997), Nicht auflegen! (2002) oder auch The Call – Leg nicht auf! (2013) – ob ein Film gut ist, liegt vielmehr an der Umsetzung.

Was die Vorgabe des Erpressers aber zur Folge hat, ist der geschlossene Raum der Handlung. Gerade in der ersten Hälfte spielt sich die Story fast ausschließlich zwischen dem Vater, den Kindern und dem Erpresser ab. So bekommen wir Elemente des Kammerspiels. Wenn wenig Platz für Effekte und imposante Aufnahmen bleibt, muss das Schauspiel umso besser sein. Wotan Wilke Möhring als immer verzweifelter werdender Vater macht seine Arbeit gut. Allerdings ist jemand anderes die Überraschung des Streifens. Emily Kusche (Tigermilch, Das kleine Gespenst) spielt so überzeugend, dass die Synergie mit Hauptdarsteller Wotan Wilke Möhring das Beste ist, was der film zu liefern hat.

Trotz dieses kleinen Raumes schafft es Kameramann Christoph Krauss das Setting abwechslungsreich und passend zu inszenieren. Gerade in Hälfte Zwei finden sich dann auch Plansequenzen und Kamerafahrten, die sich vor Vergleichbarem aus Hollywood keineswegs verstecken müssen. Sie liefern das “Eye-Candy” des Thrillers.

Erste Hälfte: Hui ; Zweite Hälfte: …

Wenn man mir sagen würde, dass Steig.Nicht.Aus! von zwei verschiedenen Drehbuchautoren geschrieben und von zwei Regisseuren inszeniert wurde, ich würde es wie selbstverständlich akzeptieren. Einen solchen Bruch, wie der Film in sich trägt, sieht man wirklich selten. Die erste Hälfte, klärt zwar wenig auf, schafft aber eine dichte Thrilleratmosphäre und lässt den Zuschauer mit Karl mitfühlen. Die zweite Hälfte fällt dagegen komplett ab. Ziemlich genau ab dem Moment, in dem die Polizei Akteur in diesem Erpressungszenario wird, fängt Christian Alvarts (auch Drehbuchautor) Geschichte an zu schwächeln.

Ich kann mir nicht erklären, wie es dazu kam. Die zweite Hälfte strotzt so vor Logiklücken und Szenen, die einen in Kopfschütteln versetzen. Alles bis dahin fein Aufgebaute wird ad absurdum geführt, je länger der Film läuft. Das hat zur Folge, dass der Film nicht nur zu lang ist, sondern auch die Stärken der ersten Hälfte in Vergessenheit geraten.

Wenn der Zuschauer ab dem Moment der ersten Nennung weiß, dass Person X oder Y etwas mit der Geschichte zu tun hat, nimmt das die Spannung. Dass bei der Wirklichkeit und dessen Inszenierung getrickst wird, ist auch nichts Neues, doch dass Charaktere völlig unlogisch handeln, sodass die Story vermeintlich vielschichtiger wird, der Zuschauer aber dadurch beispielsweise die Arbeit der Polizei nicht mehr ernst nehmen kann, zeigt, dass der Film eindeutig etwas falsch macht, was Inszenierung oder Story angeht.

Ungern möchte ich Details spoilern, doch Fragen der Zuständigkeit der Behörden, Realismus der Physik und viele weitere Sachen wirken an den Haaren herbeigezogen bzw. frei erdacht. Da ist es dann auch kein Wunder, dass alle anderen Schauspieler und deren Figuren völlig egal sind und untergehen.

Fazit

Christian Alvarts Thriller-Neuverfilmung Steig.Nicht.Aus! ist so zerrissen, wie ein Film nur sein kann. Während die erste Hälfte eine dichte, spannende Stimmung aufbaut, die ganz besonders Wotan Wilke Möhring, der Jungdarstellerin Emily Kusche und der Kameraarbeit zu verdanken ist, macht die zweite Hälfte alles zunichte. Riesige Logiklücken und eine Langatmigkeit negieren die Stärken der ersten Hälfte und sorgen dafür, dass der Zuschauer das Kino kopfschüttelnd verlässt.

Der Film bekommt von mir 1,5 von 5 Sternen.

KR

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