Die Unsichtbaren hinter Facebook – The Cleaners

The Cleaners Kritik Info“Das Internet ist für uns alle Neuland.” Dieser Satz stimmt heute so wenig wie nie zuvor. Jeder ist mit jedem verbunden, teilt sein Essen, informiert sich online oder glaubt zumindest sich zu informieren. Soziale Netzwerke sind die Plattformen, die all das erst möglich machen. Facebook, Twitter und Co. – jeder hat Zugang und fast jeder nutzt sie. Doch wer entscheidet, was man zu sehen bekommt und was nicht. Hans Block und Moritz Riesewieck beleuchten in ihrem Dokumentarfilm The Cleaners die Unsichtbaren hinter Facebook – die Contentmoderatoren.

25.000 Bilder pro Tag

“Menschen treten Facebook bei, um Geschichten zu teilen, die Welt mit den Augen anderer zu sehen und sich mit Freunden und Verwandten zu verbinden. Unser Ziel ist es, den Menschen das Teilen von Inhalten zu ermöglichen und die Welt zu vernetzen. Wir möchten, dass sich die Menschen sicher fühlen, wenn sie Facebook verwenden.”

Das ist der erste Satz, der einem beim Betrachten der Facebook Sicherheitsrichtlinien entgegen springt. Die Facebook-Richtlinien. Was darf gepostet werden, was nicht? So klar wie es der Weltkonzern gerne beantworten würde, ist es aber nicht. Pornografie, Gewaltdarstellung, Propaganda – stehen dort an erster Stelle des verbotenen. Doch wer überprüft das? Wer entscheidet, was Nachricht ist und was Propaganda, was Kunst und was Pornografie?

Die dafür verantwortlichen Contentmoderatoren bilden eine Schattenwelt der Sozialen Netzwerke. Zu zehntausenden arbeiten die Angestellten vor allem in Entwicklungsländern wie den Philippinen in 10-Stunden Schichten, um Facebook sauber zu halten. Dabei bearbeitet einer pro Schicht schon einmal bis zu 25.000 Bilder. Das alles geschieht Auftrag der großen Firmen des Silicon Valley. Nach welchen Richtlinien und Kriterien sie darüber entscheiden, was gelöscht wird und was bleibt, gehört zu den best gehütetsten Geheimnissen der Internetgiganten.

“Darüber reden, dürfen wir nicht!”

Die Dokumentarfilmer Riesewieck und Block erzählen die Geschichten von aktiven und ehemaligen Contentmoderatoren und ihren psychischen Belastungen durch Bilder sexuellen Missbrauchs und expliziten Gewaltdarstellungen. Sie erzählen, wie die Arbeiter nicht über die extremen Erfahrungen sprechen dürfen und lassen ehemalige Facebook- und Googlemitarbeiter zu Wort kommen.

Ein Dokumentarfilm, der die utopische Vision einer friedlichen Online-Welt auflöst und ganz nebenbei Themen wie Zensur, Pressefreiheit, Meinungsfreiheit, aber auch Fake News und Hass behandelt. Damit ist er vielleicht aktueller denn je und das internationale Feedback und die Reaktionen beim Sundance Film Festival 2018, wo der Film Premiere feierte, bestätigten genau das.

Poster The Cleaners KritikEin Film, zu viele Themen

Die Contentmoderatoren, sie sind die Titelgeber des Dokumentarfilms. The Cleaners versucht aber nicht diese ins Zentrum der Dokumentation zu heben, sondern benutzt sie als Rahmenhandlung. Sie bilden den Rahmen für die unzähligen weiteren Diskussionen und Aspekte, die Social Media mit sich bringt. Das ist zum einen sehr gewagt, da es eben so viele sind, aber auch sehr clever, denn die aufgeworfenen Fragen sind nachvollziehbar.

Genau davon lebt der Film auch. Zum einen leidet man mit den Contentmoderatoren mit, wenn diese sich jeden Tag die Schrecken des Internets ansehen und sich an den klaren Richtlinien festhalten müssen. Doch kann man auch verstehen, dass eine Künstlerin von Zensur spricht, wenn ihr Gemälde vom nackten Donald Trump gesperrt wird. Genau diese Gegenüberstellungen von nachvollziehbaren Seiten, ist die Stärke des Films.

Schade ist hingegen, dass sich Block und Riesewieck zwischenzeitlich im moralischen Spekulieren über den Sinn dieser Moderation und den Umgang mit dem Web verlieren. Sie verlieren die titelgebenden “Cleaners” aus den Augen und damit auch die Identifikation mit deren psychischen Belastungen. Weniger Themen, wären hier mehr gewesen.

Ungewöhnliche Produktionsqualität – die fällt sofort ins Auge. Die Qualität der Bilder, der Gesprächspartner und der Vertonung, sowie der Musik ist hervorragend für einen Dokumentarfilm. Vor allem die musikalische Untermalung durch Paradox Paradise (John Gürtler, Jan Miserre, Lars Voges) ist außergewöhnlich. Sie fesselt den Zuschauer und macht die Emotionen greifbar.

Fazit

The Cleaners zeigt auf intelligente Weise die Schattenseiten hinter Facebook. Auch wenn sich die Dokumentation zwischendurch etwas in den generellen Problemen des Webs verliert, wissen die Regisseure mit einem hochwertig produzierten Film über die oft schockierenden Erlebnisse der Contentmoderatoren aufzuklären, allerdings ohne aber etwas völlig Unbekanntes aufzuzeigen.

Der Film ist ein spannender, aber schwieriger, grundsätzlicher Überblick über die Unsichtbaren hinter Facebook und Co. und bekommt von mir 3,5 von 5 Sternen.

KR

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