Warum Kinderfilme Anspruch brauchen – Unsere Lehrerin, die Weihnachtshexe

Unsere Lehrerin, die Weihnachtshexe Info

Es zeigt sich ein altbekanntes Bild. Nur noch wenige Wochen bis Weihnachten und gerade die Komödien und Familienfilme kennen kaum ein anderes Thema als das frohe Fest. Dieses Jahr macht die italienisch-spanische Komödie Unsere Lehrerin, die Weihnachtshexe den Anfang und scheitert grandios. Nicht zuletzt, weil anscheinend vergessen wurde, dass auch Kinderfilme einen gewissen Anspruch an Story, Figuren und Themen haben sollten…

Weihnachten ist mal wieder in Gefahr

Paola (Paola Cortellesi) führt ein Doppelleben. Während sie Nachts als Weihnachtshexe dafür verantwortlich ist, dass die Kinder am Dreikönigsfest Geschenke erhalten, ist sie tagsüber als Lehrerin tätig. So verwandelt sich die augenscheinlich junge Frau des nachts zu “Befana”. [Befana ist nach der italienischen Folklore ein Pendant zu unserem Nikolaus].

Doch Weihnachten gerät in Gefahr, als Paola kurz vor dem Fest von dem bösen Spielzeughersteller Mr. Johnny (Stefano Fresi) entführt wird. Ihre letzte Hoffnung sind sechs ihrer Schüler, die sich sicher sind, in ihrer Lehrerin die Weihnachtshexe zu erkennen. Jetzt liegt es an den Kindern, Paola und damit das gesamte Weihnachtsfest zu retten…

Was muss ein Weihnachtsfilm leisten?

Der Weihnachtsfilm – im Speziellen für Kinder und Familien – ist schon ein ganz eigenes Genre für sich. Die Handlungen bzw. Prämissen unterscheiden sich nur selten. Meistens ist das Fest bedroht, entweder weil der Weihnachtsmann nicht aufzufinden ist, die Geschenkemaschine geklaut wurde, die Rentiere krank sind oder weil sonst etwas nicht so ist, wie es sein sollte. Gerade bei Kinderfilmen ist es dann natürlich an einer jungen Gruppe, das Problem zu beheben, um doch noch das Fest der Liebe zu feiern.  So steht Unsere Lehrerin, die Weihnachtshexe schon von vornherein vor der Aufgabe, etwas besonders bzw. anders zu machen.

Dementsprechend ist die Idee, den Weihnachtsmann einmal komplett außen vor zu lassen und stattdessen eine andere, unverbrauchte Figur in den Vordergrund zu stellen, keine schlechte. Für die Einführung von “Befana” und ihrer Geschichte nimmt sich der Film auch die ersten 40 Minuten die benötigte Zeit. Hier wird dem Publikum glaubhaft vermittelt, dass Paola nur das Beste für die Kinder und insbesondere ihre Schüler will, gleichzeitig aber auch selbst Probleme hat. Da sie nicht altert, ist es schwer für die Weihnachtshexe, Liebe zu erfahren. Weiterhin wird gezeigt, welche Probleme es innerhalb der Schülergruppe gibt und wie die Figuren zueinander stehen. Wenngleich gerade die Kinder alle relativ eindimensional sind – richtig problematisch wird es ab dem Moment der Entführung. Jetzt merkt man, dass Regisseur Michele Soavi aus einem anderen Genre kommt – dem Horrorfilm.

Ist das überhaupt ein Weihnachtsfilm?

Wir halten fest. Unsere Lehrerin, die Weihnachtshexe ist auf dem Papier ein Kinderfilm, der zur Vorweihnachtszeit in den Kinos läuft und die Freigabe ab 6 Jahren innehat. Doch warum ist das wichtig? Machen wir es kurz: Regisseur Michele Soavi hat keinerlei Gespür für seine Zielgruppe und die dafür erforderten Stimmungen. Der Film ist schlicht und ergreifend zu düster und das liegt primär an der Darstellung von Gewalt. Sei es eine Spritze mit Wahrheitsserum, die Paola in Nahaufnahme in die Nase injiziert wird, oder ein brennender Scheiterhaufen aus Geschenken, auf dem die jungen Zuschauer die Protagonistin wiederfinden. Selbst die Schülergruppe kann sich nur knapp aus einer Müllpresse retten. Das ist für eine Weihnachtskomödie schlicht zu dunkel.

Paradoxerweise dazu sind der Antagonist Mr. Johnny und desser Schergen allesamt so dümmlich, idiotisch und eindimensional geschrieben und inszeniert, dass man diese nie als wahre Gefahr wahrnehmen kann. Dümmliche “Antagonisten” in Kinderserien und -filmen sind nichts Neues. Freddy Faulig in Lazy Town oder auch die (in dicken Anführungszeichen) Gegenspieler von Pippi Langstrumpf sind alle nicht die hellsten Kerzen auf dem Kuchen. Dort funktioniert es allerdings, weil die Antagonisten mehr für Komik als Gefahr sorgen sollen. In diesem Film sorgen die Antagonisten hingegen nur für Fremdscham oder Kopfschütteln.

Unsere Lehrerin, die Weihnachtshexe PosterAuch Kinderfilme brauchen Logik

Über eine solche Härte könnte man allerdings vielleicht hinwegsehen und an dieser Stelle eher die Entscheidung der FSK bemängeln, würde die Story grundsätzlich funktionieren. Wo in der ersten Hälfte die Szenerie noch sympathisch und interessant beschrieben wird, fällt ab der Hälfte das Figurenkonstrukt und die verschiedenen Storylines wie ein Kartenhaus in sich zusammen.

Logiklöcher, Anschlussfehler und Figuren, die ihre gesamten Motivationen binnen weniger Minuten komplett ändern, durchziehen die Handlung. Hinzu kommt eine schwache Abmischung der Sounds, fehlplatziert wirkende Schnitte und eine Synchronisation der Kinder, die faul und uninspiriert wirkt. Herausgenommen sei hier ausdrücklich Judith Rakers. Die Nachrichtensprecherin vertont die Weihnachtshexe Paola mit viel Leidenschaft und Freude. Schade, dass das hinter den Schwächen des Streifens verschwinden wird.

Erneut macht es den Eindruck, als würde ein Drehbuchautor (in diesem Fall Nicola Guaglianone) glauben, dass Kinderfilme keine Tiefe bräuchten. Klar, es muss keine Metaebene aufgemacht werden und einfachere Dialoge sind für eine Zielgruppe um die 8 Jahre auch nötig. Doch auch Achtjährige nehmen sich eine Message, die ein Film vermittelt, aus dem Kino mit. Man wird mir zustimmen, dass sehr erfolgreiche Filme, wie Die Eiskönigin (2013), Alles steht Kopf (2015) oder Zoomania (2016) mit Themen wie Geschwisterliebe, Emotionen und Rassismus, alles andere als uninspiriert und einfach sind. Doch was nimmt ein sehr junges Publikum aus Unsere Lehrerin, die Weihnachtshexe mit?

Das ist tatsächlich eine gute Frage. Vielleicht, dass Grundschüler sich in Zungenküssen üben sollten? Oder dass sie sich den Respekt ihrer Freunde nur sichern können, indem sie waghalsig einen verschneiten Abhang umsäumt mit Bäumen runterrodeln? Oder vielleicht auch, dass es in Ordnung ist, auf einen am Boden Liegenden einzutreten, wenn dieser böse ist? Freundschaft und Zusammenhalt wird es wohl eher weniger sein, immerhin wechseln die Charaktere so schnell in ihren Tätigkeiten, dass selbst junge Zuschauer verstehen dürften, dass das fernab jeglicher Realität ist. So dreht sich die Charakterisierung des Schülers, der die anderen bis dato schikanierte, innerhalb weniger Minuten.

Wie Kinderfilme funktionieren, hab ich bereits am Beispiel von Petterson & Findus – Findus zieht um (2018) erklärt.

Fazit

Bei Unsere Lehrerin, die Weihnachtshexe läuft fast alles schief. Grund dafür ist ein Drehbuchautor, der nicht versteht, was gute Kinderfilme ausmachen und ein Regisseur, der kein Gespür für Stimmungen und Kinderfreundlichkeit hat. So kommt es, dass eine zusammengewürfelte Handlung, eindimensionale Figuren, unpassende Gewaltdarstellungen und fragwürdige Messages den Film zum ersten Flop der Vorweihnachtssaison werden lassen. Das ist besonders schade, da die Jungschauspieler und Judith Rakers als Sprecherin von Paola wirklich ein Lichtblick sind.

Der Film bekommt von mir 1 von 5 Sterne.

KR

 

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